Artenschutz für Schweizer Bauern

Ralph Weibel | veröffentlicht am 06.07.2018

Nicht nur der Schweizer Bürger ist bedroht. Wenn sie könnten, hätten die Rindviecher ihre Nutzungsoptimierer längst auf die Hörner genommen, wenn sie denn noch welche hätten.

Artenschutz für Schweizer Bauern
Marina Lutz | (Nebelspalter)

«Trägst du dein Haar anders?» Bianca hat sich seit Langem auf die jährliche Braunviehschau gefreut. Das Landvolk trägt Tracht und die Kühe Treicheln. Ausser die aus dem aargauischen Gipf-Oberfrick, wo die zugewanderte Nancy Holten mit der Drohung, sie würde beim nächsten Kreisschwingfest nackt gegen Kuhglocken demonstrieren, die Bauern – und vorab deren Bäuerinnen – eingeschüchtert hat. Die nutzungsoptimierte Milka senkt den Kopf. Sie hatte befürchtet, sie müsse dieses Jahr wieder neben Bianca stehen, dieser biobauernverwöhnten Kuh.

«Nein, meine Frisur ist wie immer», sagt Milka. «Einzig die Fransen wurden mir gestutzt.» Bianca kaut gemütlich etwas Gras und schielt mit ihren Kuhaugen, die schon grosse Romantiker inspiriert haben, zu Milka hinüber. Bundesrat Ueli Maurer beispielsweise versuchte, wie er an der Olma-Eröffnung 2016 in St. Gallen gestand, sich in jungen Jahren an Weibchen heranzumachen, indem er ihnen sagte, sie hätten Augen wie eine Kuh. Doch daran dachte Bianca nicht.

Kühe im Melkroboter
«Hörner», lachte sie plötzlich. «Wo sind bloss deine Hörner? Ohne siehst du aus wie ein gentechnisch grossgezüchteter Goldhamster!» Milka ist das Ganze sehr peinlich. Sie erzählt, ihr Bauer sei dabei, sich zu optimieren. Nur so könne er den Anforderungen der Gesellschaft nach makellosen Produkten wie in einem Jamie-Oliver-Kochbuchschinken nachkommen. Er nenne sich auch nicht mehr Bauer, sondern sei jetzt ein «Economic Performer of Kuhfladen und Hochstämmer». Gerne wäre sie nach Indien ausgewandert, wo Kühe unantastbar sind und als Symbol für Weiblichkeit, Natur und die Achtung für die Umwelt gelten. Ihr hätte man die Hörner mit der Begründung abgenommen, sie passe besser in den Melkroboter. Bianca vergeht das Lachen. Sie kann es kaum fassen. Ein Melkroboter? Sie empfindet manchmal schon die kalten Hände ihres Bauern als unangenehm. «Du hättest damals besser die Hornkuh-Initiative von Armin Capaul unterschrieben und nicht darauf geschissen», sagt Bianca, «wie es auch der Bundes- und der Nationalrat gemacht haben.» Milka nickt mit dem hornlosen Kopf und steht vom einen aufs andere Hinterbein.
 
Der böse Wolf
«Was tänzelst du so nervös herum?» Milka erzählt von ihren Hüftproblemen. Seit das neue Direktzahlungssystem vor vier Jahren in Kraft trat, hatte ihr Bauer angefangen, auf dem bequemen, flachen Weideland Hügel aufzuschütten. Je steiler, desto besser. Für jede Hektare erhielt er so ein paar hundert Franken mehr Beiträge. «Dass wir armen Rindviecher dafür den ganzen Tag auf dem schrägen Boden stehen müssen, kümmert meinen Bauern nicht.» Jetzt versteht Bianca die Welt nicht mehr. Erst recht nicht, als ihr erzählt wird, wie der Bauer auf dem aufgeschütteten Hügel auch noch Schafe weidet. 400 Franken erhält er pro zehn Schafe, die 100 Tage auf der Alp sind, und wenn er Glück hat, werden die Schafe vom Wolf gefressen. Pro Schaf kann er dann ein Mehrfaches dessen verlangen, was er im Schlachthof dafür bekäme. Kein Wunder überlegen sich immer mehr Schafe, ob es sich überhaupt noch lohnt, für die Schweizer Nahrungs­sicherheit zu sterben, oder ob sie sich gleich vor einen Wolf werfen sollen.

Bei aller Kritik haben die beiden Verständnis für ihre Besitzer, weil sie sich ihr Geld zusammensubventionieren müssen, wenn sie nicht nur unterbezahlte Landschaftsgärtner sein wollen. «Vielleicht wird ab September ja alles besser», sagt Bianca hoffnungsvoll. «Wie soll was besser werden?», fragt Milka. «Na wenn das Schweizer Stimmvolk über zwei Vorlagen abstimmt. Die Fair-Food-Initiative und die Ernährungssouveränität. Und in der Pipeline sind noch andere Vorstös­se. Das Verbot von Massentierhaltung in der Schweiz beispielsweise», sagt Bianca euphorisch. «Die Initiative für sauberes Trinkwasser und allen voran unterstützen die Bienen die Initiative für ein Verbot von synthetischen Pestiziden.»

Woher sie das alles wisse, will Milka staunend wissen. Ihr Bauer hätte es ihr erzählt, während er sie zu Musik von Mozart massierte, so wie es die Japaner mit ihren Wagyu-Rindern machen. Das gäbe das zarteste Fleisch auf der Welt. Und wenn die Zeit gekommen wäre, so hätte er versprochen, würde er sie, wie der Zürcher Biobauer Nils Müller, stressfrei auf der Weide schlachten. Milka staunt über das Unvorstellbare. «Was aber, wenn sich nichts ändert in der Landwirtschaftspolitik?», fragt Milka. «Wenn wir weiter nur gewinnoptimierte Objekte bleiben, was tun wir dann?»

Bienen gegen Pestizide
Bianca überlegt eine Weile. «Wenn sich nichts ändert, sollten wir uns gegen die Ausbeutung wehren. Wie damals auf der Farm der Tiere», sagt Bianca. Natürlich kennt Milka die Geschichte von George Orwell nicht. Lässt sich aber gerne erzählen, wie die Tiere den bösen Bauern Mr. Jones verjagen und anfangen, selbstbestimmt zu leben. «Nur auf die Schweine müssen wir aufpassen. Die reissen sich die Macht unter den Nagel und werden genauso schlimm wie die Menschen», sagt Bianca, «die Schweine».

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