Nach Shitstorm gegen«Olé Olé»: Jetzt redet DJ Antoine

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 10.06.2018

Das «Vague d’Or» in Saint-Tropez ist an diesem Mittag restlos besetzt. Etwas hilflos steht der Reporter zwischen den gediegen tafelnden Gästen, als ein unscheinbarer, aber freundlicher Mitvierziger von einem Zweiertisch her «Sie suchen bestimmt mich!» zuruft. Das ist er also: Antoine Konrad, einer der umstrittensten Künstler der Gegenwart.

Nach Shitstorm gegen«Olé Olé»: Jetzt redet DJ Antoine
Michael Streun | Weghören! Der WM-Song der Nati-Fussballer lässt nur einen Schluss zu: Der Schweizerische Fussballverband wollte ausschliessen, dass jemand die Schlagzeile machen kann, die Kicker wären noch schlechter als ihre akustische Begleitung.

«Pardon, ich habe Sie ohne Sonnenbrille leider fast nicht erkannt.» Die Entschuldigung lächelt er verständnisvoll mit einem «Das passiert ab und zu» weg, während er dem Kellner mit einem kaum wahrnehmbaren  Wink bedeutet, dem Platz nehmenden Reporter auch ein Glas Champagner einzuschenken.

Als «DJ Antoine» hat der gebürtige Baselländer Konrad in den vergangenen Wochen mehr Kritik und Häme einstecken müssen als mancher Künstler über die gesamte Dauer seiner Karriere. Der Grund: Sein WM-Song «Olé Olé», der Anfang Mai vom Schweizerischen Fussballverband SFV offiziell vorgestellt wurde. «Unter jeder Sau», «billiger Kommerz» oder «hoffentlich ein Scherz»: Das sind noch die eher zurückhaltenden Voten, die DJ Antoine hören und lesen musste. Das hat Spuren hinterlassen. Musiker Konrad wirkt sichtlich gekränkt, um nicht zu schrei­ben: gebrochen. Der Kunstbetrieb ist ein verlogenes Business. Auf der einen Seite werden Werke von Autoren, Musikern, Malern  hochgejubelt und mit Interpretationen ausgedeutet, an die der Urheber selbst nicht im Traum gedacht hätte. Auf der anderen Seite stehen Werke wie «Olé Olé», deren epochale Bedeutung ignoriert wird, denen die verdiente Anerkennung versagt bleibt.

«Über fünfzehn Jahre Arbeit stecken in diesem Song.» – «Darum klingt auch das Intro des Songs wie ein Nokia-Klingelton von 2003?» – «Genau, doch das ist nur ein Detail. Ich habe enorm viel Zeit benötigt, um das Wesen der Schweiz und die Essenz des Fussballs zu ergründen.» – «Nun wird Ihnen eben gerade vorgeworfen, dass es in Ihrem Werk weder um den Fussball noch um die Schweiz geht …»  – «Das ist bitter, wenn nicht sogar bösartig. Da werden Schlüsselstellen meiner Dichtung absichtlich übersehen.» – «Der rotweisse Bikini in der ersten Strophe?» – «Die Landesfarben! Kein Mensch trägt sonst freiwillig rot-weisse Bademode» – «Und am Ende der zweiten Strophe kommt der Begriff ‹Fussball› …»  – « … sogar einmal explizit vor! Aber das scheint nicht zu genügen.» – «Weil das lyrische Ich im Song Fussball nur als Metapher verwendet, da es beim Sex genauso angefeuert werden will wie ein Spieler auf dem Feld.» – «Aber darum geht es doch gerade! Fussball ist eine Metapher! In einer WM sublimiert sich doch unser gesamtes Menschsein: unser angeborenes Stammesdenken, unsere – wohl nur vorübergehend – im Sport kanalisierten Nationalismen, unser selbstbetrügerischer Eskapismus.»

Während uns Antoine Konrad die tiefgründige Gedankenwelt hinter «Olé Olé» auseinandersetzt, während sich die Champagnerflaschen leeren, wachsen unaufhaltsam Bewunderung und Respekt für diesen Mann und sein Œuvre, aber auch das Mitleid über das Los eines Unverstandenen. «DJ Antoine» ist die vielleicht allzu perfekt geratene Kunstfigur eines hochsensiblen Kulturkritikers, der der Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft von Miami bis Saint-Tropez trotzig den Spiegel vorhält. Der die Befindlichkeit der vielsprachigen Schweiz mit einem «Ich verstehe dich nicht, aber ich will mit dir zusammen sein» so treffend festmacht, dass er den Vergleich mit einem Bob Dylan nicht zu scheuen braucht. Am Ende eines langen Gesprächs verlässt der Reporter Saint-Tropez ergriffen und aufgewühlt. Die WM wird kommen, die WM wird gehen und bald vergessen sein. Bleibt zu hoffen, dass Konrad nicht die Lust verloren hat, Auftragskompositionen zu schreiben. Die Schweiz braucht seit langem eine neue Nationalhymne.

Für Hartgesottene: übersetzte Auszüge aus Olé Olé

Ich bin in Miami aufgewacht, ich bin in L.A. aufgewacht / Mädchen, du bist so verdammt hübsch, nenn mir deinen Namen / Ich spreche deine Sprache nicht, weiss nicht, was du sagst / Ein rot-weisser Bikini, eine Flasche Rosé
[…]
Olé, olé, olé, olé
Olé, olé, olé, olé
Olé, olé, olé, olé
Olé, olé, olé, olé
[…]
Ich will mit dir schlafen / Die ganze Nacht lang / Feure mich mit «Olé» an / Wie man es bei einem Fussballspiel tut

 

Artikel erschienen in der Ausgabe

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