Essen als Ersatzreligion: Hummer auf Avocadomousse

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 06.04.2018

Essen als Ersatzreligion: Hummer auf Avocadomousse
Swen (Silvan Wegmann) | (Nebelspalter)

Wie halten Sie es mit dem Essen? Sind Sie auch praktizierender Superfoodie und Mandelmilch-Missionar? Die richtige Ernährung ist im säkularen Westen zur Ersatzreligion geworden. Wobei es dieses «richtig» so richtig in sich hat: Das Angebot an Glaubenswahrheiten und Essgeboten ist so umfangreich wie das Sortiment eines dieser hallenfüllenden Supermärkte, in die sich Kunden oft nur noch mit GPS-Navigation trauen.

Besseressen ist eine ausgesprochene Diesseitsreligion, bei der es nicht um ein möglichst glückliches Leben nach dem Tod geht, sondern um einen möglichst gesunden Tod nach dem Leben. Wenn wir dereinst ins Gras beissen, soll die Seele möglichst rein, der Bauchspeck möglichst mager, der Cholesterinspiegel möglichst tief sein. Manche Tischgenossen weigern sich ja sogar – jedenfalls im lebenden Zustand –, ins Gras zu beissen, da sie als Frutarier nur das zu sich nehmen wollen, was eine Pflanze freiwillig abgibt: deren Früchte. Dumm nur, dass auch geerntete Früchte streng genommen noch weiterleben: Das Nachreifen geernteter Früchte ist nichts anderes als ein Stoffwechselvorgang. Ein Prozess, der bekanntlich sogar darauf reagieren kann, welche andern Früchte- oder Gemüsesorten in unmittelbarer Nähe gelagert werden.

Sobald sich der eigentlich als Omnivor konzipierte Homo sapiens irgendeine Fresskonfession zulegt, wird es in der Regel schwierig bis unwissenschaftlich. Selbst das seit dem 1. März geltende Schweizer Verbot, Hummer lebend in kochendes Wasser zu werfen, hat seine Tücken: Das Gesetz schreibt den Einsatz von Elektrobetäubungsgeräten vor. Nur hat eine Studie des deutschen Alfred-Wegener-Instituts gerade ergeben, dass Hummer auf Elektroschocks kaum reagieren, während einzig eine Betäubung mit CO2 wirksam wäre. Die Wirkung kennen wir ja von uns selbst: Je mehr Kohlendioxid wir in die Atmosphäre pusten, desto mehr Hirntote sind zu beklagen, die keinen Klimawandel sehen können.

Auch wer beim Essen nicht an die Umwelt, sondern vor allem an sich selbst denkt, wird oftmals zum Verschlimmbesserer. Das allgegenwärtige «Superfood» Avocado ist produktionstechnisch so etwas wie das Rindssteak der Pflanzenwelt: Die Zucht benötigt x-fach mehr Wasser als andere Pflanzen auf selbem Grund. Nun, dann raten Sie mal, wer in wenigen Jahren Hauptexporteur für Europa geworden ist? Südafrika – genau jenes Land, in welchem in den Millionenstädten gerade das Wasser ausgeht. Na dann: Prost! Aber so schwarzmalend möchte ich Sie natürlich nicht aus diesem Editorial entlassen. Deshalb kann ich Ihnen versichern, dass sämtliches hier dargebotenes Augen- und Lesefutter garantiert hochwertig und unbedenklich ist. En Guete!


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