Postauto-Bschiss: Die gelbe Raupe Nimmersatt

Jan Peters | veröffentlicht am 02.03.2018

Management Summary: Der vorliegende Artikel beginnt mit einer kurzen Betrachtung kreativer Buchhaltungsverfahren, die in der hoch subventionierten Autobussparte der Schweizer Post praktiziert wurden und für beträchtliche Unruhe in der Öffentlichkeit sorgten. Davon ausgehend, beleuchtet der Text noch weitere Unregelmässigkeiten. Der Umfang dieses Artikels reicht nicht aus, alle globalen Missstände anzuprangern. Immerhin gelangt diese Abhandlung an ihrem Ende zu einem beunruhigenden Fazit, dessen Brisanz die Weltöffentlichkeit aufhorchen lassen sollte.

Postauto-Bschiss: Die gelbe Raupe Nimmersatt
Silvan Wegmann | (Nebelspalter)

Wenden wir uns nun zunächst demjenigen zu, was die Eidgenossenschaft in den Grundfesten erschütterte und zu einer weiteren Vertrauenserosion des Service public im Publikum geführt hat: Was bei der Post passiert ist, das schlägt dem ohnehin schon bodenlosen Subventionsfass die Dauben ins Gesicht – oder so ähnlich! Es wäre zu kompliziert darzulegen, warum sich die Post nicht mehr mit dem System der doppelten Buchhaltung begnügte und stattdessen die von Al Capone während der Prohibition entwickelte Variante der «sizilianischen Buchführung» eingeführt hat. Vereinfacht dargestellt, ging es dabei darum, die Kohle dort zu bunkern, wo sie erstens  gar nicht hingehörte, wo es zweitens keiner merkte und wo sie drittens die Revisoren nicht suchen würden.

Professionelles Monopoly
Wer über Industrieerfahrung verfügt, der weiss, dass solche Räuber- und Gendarmspielchen in der Wirtschaft gang und gäbe sind und Regimentern von abgefeimten Buchhaltern, heimtückischen Treuhändern, hinterlistigen Winkeladvokaten und anderen Elementen, deren Aufgabe darin besteht, die Elastizität der Gesetzgebung zu testen, lukrative Beschäftigung verschaffen. Diese Mauscheleien nennt man beschönigend «Steueroptimierung». Gemäss dem bewährten Leitsatz, dass es noch lange nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche tun, brandmarkt die empörte Öffentlichkeit dergleichen Schiebereien im Service public postwendend mit dem Kainsmal des «Subventionsbetrugs». Und weil das etwas ganz Schlimmes ist – denn schliesslich geht es um Steuergelder –, hat das Bundesamt für Verkehr Strafanzeige wegen des Buchhaltungsskandals bei Postauto eingereicht.

Mögliche Straftatbestände sind «Verletzungen des Verwaltungsstrafrechts, Betrugs-, Urkundendelikte sowie ungetreue Geschäfts-/Amtsführung». Und lauter als die Alphörner tönt es landauf und landab: «Der Service public und die Bolschewisten – was ja identisch ist –, das ist unser Untergang!» Was an diesem unglaublichen Vorgang ganz besonders empört und den kleinen Mann auf die Barrikaden treibt, besteht darin, dass die Post simultan zu ihren Postautobetrügereien eine Poststelle nach der anderen schliesst und die Bevölkerung im Regen stehen lässt. Hier lohnt es sich wieder einmal, kontrastiv zur Schlamperei im öffentlichen Dienst die hoch effizient arbeitende freie Wirtschaft zum Vergleich heranzuziehen. Nehmen wir unsere helvetische Paradedisziplin, das Bankenunwesen: Die Bankster, diese mit allen Hunden gehetzten Schlitzohren – die wissen, wie man Reibach macht: Sie schlies­sen eine Bankfiliale nach der anderen, lassen die Kunden in Niedrigstzinssätzen schmoren, fahren das Geschäft mit vorsätzlichen Immobilienmanipulationen an die Wand, erklären sich für «too big to fail», lassen sich von der Bevölkerung refinanzieren, schliessen eine Filiale nach der anderen …

Nicht zu vergleichen!
Schliesslich tragen unsere fähigen Bank- und Industriemanager gesellschaftliche Verantwortung, für die sie auch ein ordentliches Salär bekommen müssen. Wie zum Beispiel Marcel Ospel, mit Schimpf und Schande davongejagter Ex-VR-Präsident der UBS. Oder Josef Ackermann, der aus der einst renommierten Deutschen Bank eine Zockerbude gemacht hat, die wegen ihrer Gaunereien mehr Anwälte als Kundenberater beschäftigt. Oder Philippe Bruggisser, dieser schneidige Swissair-Chefeinkäufer und klägliche Grounding-Captain. Aber die Banken haben doch schliesslich die minimalen Beträge, mit denen die Steuerzahler sie gerettet haben, wieder zurückgezahlt … und Ackermann, Ospel, Bruggisser und Konsorten wurden auf die Galeeren geschickt, um dort Sühne zu leisten … und im Himmel ist Jahrmarkt … und die Erde ist eine Scheibe!

Aber …
Wenn es keine Boni mehr gäbe, dann hätte die Wirtschaft Nachwuchssorgen und bekäme Probleme, Spitzenkräfte wie Ospel, Chef-Bankrotteur der UBS, oder Jo «Peanuts» Ackermann oder Swissair-Bruchpilot Bruggisser für sich und ihre gewinnbringenden Aktivitäten zu gewinnen. Was würde dann aus unserer tollen Volkswirtschaft werden? Ein Casino, in dem skrupellose Hasardeure den Schotter verjubeln, für den anständige Menschen hart arbeiten mussten!

Fazit:
In Anlehnung an den ersten Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, dass die Energie eines abgeschlossenen Systems konstant bleibt, möchten wir nun den ersten Hauptsatz der Makroökonomie formulieren: Ob Kapitalismus oder Sozialismus, ob Privatwirtschaft oder Service public – der Angeschissene ist immer derselbe: der kleine Mann auf der Strasse.

Artikel erschienen in der Ausgabe

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