Fremde Macht

Alfred Dorfer | veröffentlicht am 02.02.2018

Fremde Macht
(Nebelspalter)

Schon wieder gibt es Verstimmungen zwischen Deutschland und der Schweiz wegen angeblicher Steuerhinterziehung. Diese Geschichte ist nicht neu und hat ja bekanntlich darin gegipfelt, dass ein Spion des Schweizer Geheimdienstes nach Germanien entsandt wurde, um, wie es von deutscher Seite hiess, «für eine fremde Macht zu spionieren».

Uns tun sich in diesem Zusammenhang zwei Überraschungen auf. Erstens, dass die Schweiz über einen Geheimdienst verfügt sowie zweitens, dass sie eine fremde Macht ist. Viele Schweizerinnen und Schweizer werden bei allem Nationalstolz nie drauf gekommen sein, sich als «Macht» zu sehen. Fremd eher.

Aber warum nun diese Spionage? Natürlich, den Deutschen ist nicht zu trauen, das hat uns die Geschichte gelehrt. Aber was ist der wirkliche Grund? Niemand will die Schweiz angreifen oder erobern oder, noch schlimmer, zu einem Teil Europas machen. Nein, es ging und geht nach wie vor um die von Deutschland angekauften Steuer-CDs, also darum, Steuersünder zu identifizieren.

Prinzipiell muss gesagt werden, dass «Steuersünder» ein Begriff ist, der je nach Kultur anders ausgelegt wird. In Deutschland versteht man darunter Steuervermeider, also Verbrecher, die den Staat schädigen. In der Schweiz ist der moralische Bogen diesbezüglich etwas lockerer. Menschen legen ihr Geld in der Schweiz an und das kann eigentlich keine Sünde sein. In dieser Hinsicht war die Schweiz immer sehr weltoffen. Und das ist schön. Denn wir wissen, wie sehr Ausländerfeindlichkeit in Europa um sich greift. Da geht die Schweiz mit gutem Beispiel voran und nimmt alle notleidenden Kreaturen ungeachtet ihrer Nationalität, ihrer Religion und sogar ihrer Profession gern auf. Also auch, sagen wir einmal, Artgenossen, die vom rechten Wege abkamen und ihr Geld in sinistren Gefilden verdienen, sind willkommen. Das ist Grösse und die Schweiz gewährt ihnen Schutz, und zwar ganz diskret, um nicht zu sagen geheim.

Dieser geheime Dienst am Kunden wurde nun zu einer Sache des Geheimdienstes. Der Deutsche wiederum zeigte sich in dieser Causa humorlos und versuchte mit hinterlistigen Methoden der Schutzbedürftigen habhaft zu werden. Was der Schweiz wiederum mit ihren hohen Ansprüchen nicht gefallen konnte. Und so wurden, weiss Gott wie viele, Spione ausgesandt, um dieses Unrecht zu tilgen.

Zu Recht! Hier wird einfach nur ein überlegenes Steuersystem geschützt. Schon die Namen sprechen ja Bände. Während in Deutschland und Österreich von der Lohnsteuer die Rede ist, gibt es in der Schweiz die Quellensteuer. Allein das spricht für die Lauterkeit des Systems, denn gibt es etwas Reineres als die Quelle? Noch dazu, wenn sie sprudelt. Dazu kommt die Stur- und Starrheit anderer Systeme. Einheitlicher Steuersatz für alle. Das klingt nach Gleichheit. Aber wie jede Gleichheit ist das natürlich ungerecht. In der Schweiz unterscheiden sich die Steuersätze nach Kanton und Gemeinden. Damit kann der deutsche Michel natürlich gar nicht. Dazu fehlt die Fantasie. Denn die gleiche Leistung ist im gebirgigen Wallis natürlich anders zu bewerten als im eher flachen Aargau.

Steuer ist eben kein starrer, einheitlicher Begriff. Er leitet sich vom germanischen Wort «sceutan» ab, was so viel heisst wie schies­sen. Das würde wiederum das eher martialische Verhalten der Deutschen in diesem Fall erklären. Die Schweiz neigt einer anderen etymologischen Deutung des Wortes zu. Demnach kann sich der Begriff aus dem Althochdeutschen ableiten. Stiura hatte damals die Bedeutung Stütze im Sinne von Unterstützung, Hilfe oder gar Beihilfe. Mehr ist nicht zu sagen. Die Steuer ist in der Schweiz ein reines Sozialprojekt, was in Europa keiner versteht.

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