Der stille Schrei der Schneemann-Sporen

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 30.11.2017

Der stille Schrei der Schneemann-Sporen
Swen (Silvan Wegmann) | (Nebelspalter)

Liebe Leserinnen und Leser,

die Suche nach aus­serirdischem Leben fasziniert seit Jahrzehnten Millionen von Menschen, während vom irdischen immer weniger übrig bleibt: Die Biodiversität nimmt rapide ab, die roten Listen werden lang und länger.

Unter diesem Gesichtspunkt hat die Exobiologie sogar etwas Tröstliches: Sollten wir unseren Planeten tatsächlich in näherer Zukunft ganz ruinieren, tun wir dies immerhin mit steigender Zuversicht, dass sich in den Tiefen des Alls noch weiteres Leben entwickelt haben dürfte, denn in den vergangenen Jahren wurden zuhauf erdähnliche Planeten in habitablen Zonen entdeckt.

Zudem schliessen Exobiologen nicht aus, dass sich, anders als das auf Kohlenstoff basierende Leben auf der Erde, ausserirdisches Leben auch auf Siliziumbasis hat bilden können. Leben im All könnte deshalb jenseits unserer Hollywood-Vorstellung so andersartig sein, dass wir es unter Umständen nicht mal erkennen würden, wenn wir es direkt vor uns hätten. Kurz und gut: Wir wissen im Grunde immer noch nicht, was Leben eigentlich ist und ausmacht. Nicht nur im All.

Können wir denn sicher sein, dass all die Schneemänner, die jeweils in den Wintermonaten plötzlich dastehen und in unser Wohnzimmer starren, nicht kristalline Lebensformen sind? Was weiss die Wissenschaft?

Eine durchschnittliche Schneeflocke wiegt 4 Milligramm – ein ausgewachsener Schneemann besteht aus mindestens so vielen «Zellen» wie viele bekannte Lebewesen. Schneemänner werden, ganz wie Menschen, im Alter kleiner, selbst bei Temperaturen unter null.

Übrigens kann reines Wasser ohne Kondensationskeime bis minus 48 Grad flüssig bleiben, wie erst 2011 nachgewiesen wurde. Fällt eine Schneeflocke auf Wasser, so erzeugt sie einen schrillen hohen Ton mit einer Frequenz von 50 bis 200 Kilohertz, der für Menschen unhörbar ist. Könnte es sich um den Todesschrei einer «Schneemann-Spore» handeln?

Aber im Ernst: Bereits in den 1960ern stellte die Mikrobiologin Lynn Margulis die sogenannte Gaia-Hypothese auf, welche die irdische Biosphäre als sich selbst organisierendes System und damit als ein gros­ses Lebewesen versteht, das auf menschliche Einflüsse stabilisierend reagiert.

Jüngere geowissenschaftliche Erkenntnisse geben dieser These neuen Auftrieb. Für den Planeten Erde ist die Gaia-Hypothese mindestens so tröstlich wie die Exobiologie für uns: Demnach ist die Acht-Milliarden-Menschheit nur ein vorübergehender Infekt, dem das globale Immunsystem irgendwann mal den Garaus machen wird. Bis dahin: Begegnen Sie Mutter Erde mit Respekt. Und den Schneemännern sowieso. Frohe Festtage!

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