Pietro Supino

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 31.08.2017

Pietro Supino
Michael Streun | (Nebelspalter)

In den vergangenen Tagen hallte wieder einmal das Klagelied von der bedrohten Pressevielfalt durchs Land. Vermutlich die vorletzte Strophe. Tamedia, der grösste Medienkonzern der Schweiz, kündigte für seine drei grossen Zeitungstitel ‹Tages-Anzeiger›, ‹Berner Zeitung› und ‹Bund› eine Deutschschweizer Einheitsredaktion an, auch bei den Tamedia-Blättern der Romandie soll künftig alles – bis auf ein paar regionale Zutaten – aus einer Küche kommen. Treibende Kraft hinter dem Kahlschlag: Pietro Supino, Verwaltungsratspräsident. Er, der 2014 an einem Verlegerkongress postulierte, die Medien benötigten «mehr Ingenieure und Informatiker und weniger Lehrer», wird zum «Oberleerer» der Schweizer Medien.

Doch die Kritik greift zu kurz. Wie oft, wenn Mainstreammedien unisono das Hohelied der Pressevielfalt singen. Die meisten Journalisten pochen vor allem deshalb auf Vielfalt, weil sie sich a) dadurch grundsätzlich mehr Anstellungsmöglichkeiten erhoffen und b) weil sie sich so jeweils um 9:15 Uhr vor Redaktionssitzung in den Konkurrenzblättern inspirieren lassen möchten, welchen Artikel sie selbst schreiben könnten.

Die meisten Medienkonsumenten jedoch pfeifen auf die viel gepriesene Vielfalt und blättern nicht um 9:15 Uhr parallel durch ein Dutzend verschiedener Postillen. Ganz einfach deshalb, weil sie um diese Zeit ihrer eigenen Arbeit nachgehen. Otto Normalleser will sich in dieser unübersichtlich und unsicher gewordenen Welt nicht noch von Meinungsvielfalt kirre machen lassen – er will einfach nur noch das Blatt oder die Sendung, die ihn in der bisherigen Meinung bestärkt.

Denn mit der Vielfalt ist es so eine Sache: Verhaltenspsychologen haben längst bewiesen, dass wir nur etwas noch weniger mögen als zu viel Einheitsbrei – nämlich zu viele Optionen. Zu viele Angebote überfordern unseren Frontalkortex, nicht nur vor dem Supermarktregal mit den Müesli-Packungen. Die Wissenschaft hat auch ermittelt, das die vom Menschen subjektiv bevorzugte Anzahl an Auswahlmöglichkeiten sechs ist. In vielen Konsumbereichen kommt dieses Wissen längst zur Anwendung. Kosmetikkonzerne kreieren unterschiedliche Produktlinien für unterschiedliche Käuferprofile. Der Kundin wird eine überblickbare Vielfalt vorgegaukelt, derweil in den jeweiligen Tuben und Tigeln ein und dieselbe Salbe abgefüllt wird – egal, ob nun in der Budget-Linie oder beim Premium-Brand. Dass das Prinzip «Gleiches unterschiedlich verpackt» auch bei geistigem Gut funktioniert, demonstriert die Mehrzahl der Schweizer Parteien schon seit Jahrzehnten. Wieso sollte das nicht auch bei den Medien funktionieren? Die 1875 im thurgauischen Horn zusammengezogene satirische Einheitsredaktion des ‹Nebelspalter› jedenfalls operiert von Anfang an ausschliesslich mit sechs universellen Grundpointen, die nur situationsgerecht angepasst werden müssen: Einst gegen Webstübler – heute gegen Hipster, einst gegen Berlusconi – heute gegen Trump. Bisher hat dies noch kein Leser beanstandet.

Auch Pietro Supino hat längst ermittelt, wie für ihn der ideale Leser ausschaut: Ein solcher blättert exakt einmal jährlich in einem Tamedia-Printprodukt – und zwar im Geschäftsbericht des Konzerns. Denn dieser ideale Leser weiss mit Dividende mehr anzufangen als mit Diversität. Tamedia selbst setzt schon länger auf Diversifikation: Printtitel sind bei Tamedia nur noch aus nostalgischen Gründen im Portfolio – bis auf die hochprofitablen «20 Minuten», übrigens einem weiteren Hauptgrund für das helvetische Zeitungssterben. Wenigen ist klar, dass man auch durch Nutzung zahlloser Onlinedienste wie Zattoo, Doodle, Hotelcard, Homegate oder «tutti.ch» zu Supinos Konzernbilanz beiträgt: Der kumulierte Gewinn über zehn Jahre beträgt 1,5 Milliarden Franken. Mit dem Batzen liesse sich, wenn man wollte, unglaublich viel vielfältiger Qualitätsjournalismus finanzieren.

Doch Qualitätsjournalismus ist kein schützenswertes Gut, das es zum Selbstzweck zu erhalten gilt: Er setzt vielmehr anspruchsvolle Leser voraus, die einen solchen Journalismus einfordern und bereit sind, ihn zu finanzieren. Er benötigt Qualitätsleser. Diese, und nicht Journalisten, sind letztlich die Grundvoraussetzung einer funktionierenden, zukunftsfähigen Demokratie. Es sagt also viel über den Zustand einer Gesellschaft aus, wenn nur noch gelesen wird, was gratis ist. Und es sagt ebenso viel über den noch unverändert guten Instinkt von Christoph Blocher aus, wenn er sich just in diesen Tagen 25 Gratiszeitungen aufgekauft hat.

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