Kinder an die Macht

Simon Enzler | veröffentlicht am 31.08.2017

Herbert Grönemeyer forderte vor langer Zeit in einem seiner bekanntesten Hits "Kinder an die Macht!". Er dachte sich wohl, dass die Welt dadurch eine bessere würde. Nun: Heute wissen wir, dass er kolossal falsch lag. Gut, zu seiner Verteidigung muss man sagen, dass er dieses Lied noch geschrieben hat, bevor er Vater wurde. Aber ein bisschen mehr Weitsicht hätte man ihm schon zugetraut.  

Wäre er im Jahr 1986, als jener Song veröffentlicht wurde, schon Vater gewesen, hätte er nämlich gewusst: Kinder gehören nicht an die Macht, sondern spätestens um sieben ins Bett. Wenns sein muss auch einmal ohne Znacht. Wer die Zähne nicht putzt, bekommt es mit den Zahnteufeln zu tun.

Und sowieso … musst du immer so laut rumschreien? Geht das nicht auch leiser, das Schreien? Respektive, wieso müssen Kinder überhaupt schreien? Weshalb können sie nicht einfach sagen, was sie wollen, sachlich, ruhig und mit gewählten Worten und vor allem erst nachdem Mama und Papa ausgeredet haben … Einfach. Ganz. Normal.

Tja, Kinder sind vieles, aber sie sind bestimmt nicht normal. Denn wenn ein Kind normal wäre, dann würde es nicht Nacktschnecken essen, sondern  Steuererklärungen ausfüllen. Zugegeben, vor die Wahl gestellt, erscheint dem einen oder der anderen die Nacktschnecke noch heute die bessere Alternative zu sein als so ein staubtrockenes Thema wie Steuern. Aber weil man erwachsen und vor allem normal ist, schluckt man anstatt der Schnecke dann doch die Erklärung mit den Kröten.
 
So jedenfalls handeln Kinder nicht. Sie wägen höchstens ab, ob ein Stück Schokolade schwerer ist als eine Reiswaffel. Und wenn sie die leichtere Reiswaffel grosszügig abgeben, hat das nichts mit Altruismus zu tun. Dem sagt man schlicht Hunger, respektive Futterneid.

Kinder sind nebst vielem Positivem und Erfreulichem, ob Sie es glauben wollen oder nicht, sie sind durchaus auch impulsiv, egoistisch, stur, nachtragend, ängstlich, reizbar, überschwänglich, irrational … und, und, und … und somit eigentlich prädestiniert für höchste Staatsämter. - Ein plumper Vergleich, denken Sie? Es geht so. Schauen Sie sich doch mal um in der gegenwärtigen internationalen politischen Landschaft. Eine ganze Kinderschar tummelt sich an diversen Staatsspitzen. Also nicht so untere Chargen wie Bundesrat oder Kanzlerin, nein so richtig irrationale und ich bezogene. Halt eben Kinder an der Macht. Beispiele gefällig? Bitte schön: Eines sitzt liebend gerne mit nacktem Bauch auf Pferdchen und schiesst auf Tierchen, das andere, kleine dicke, spielt den ganzen Tag mit selbstgebauten Raketen, und das wohl grösste unter ihnen will eine ganz, ganz gros­se, lange Mauer bauen; ein Geschenk von den Nachbarn.

Widerspruch wird nicht geduldet. Wer es wagt, kriegt Spielzimmerverbot. Kritik ist eh voll fies, wer sie trotzdem äussert, bekommt eins aufs Maul. Und schuld sind sowieso immer die anderen. Weil sie haben ja auch angefangen. Deshalb ist es doch klar, dass man selber auch darf. Nein eigentlich nicht dürfen, sondern müssen. Kinder verspüren es quasi als Pflicht, einen Lollipop zu essen. Nicht weil es sinnvoll oder gesund wäre, sondern weil sie wollen. Das ist der grosse Antrieb bei Kindern, das Wollen. "Nein ich will, dass bei meinem Amtseid mehr Menschen waren als bei meinem Vorgänger." - "Alle wissen zwar, dass wir die Wahlen manipuliert haben, aber ich will jetzt trotzdem noch einen Bären erschiessen." - "Ein Atomkrieg bedeutet zwar den Untergang meines Kinderzimmers, aber ich will der Erste sein, der schiesst."

Kinder, Kinder, werdet endlich erwachsen! Und Herbert Grönemeyer sollte sich schleunigst einen neuen Text ausdenken. Der kann das doch.

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