Jenseits von Eden

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 06.07.2017

Damit hat uns die Bibel ja ganz schön was eingebrockt: mit dem Paradies. In diesen Wochen werden wir wieder alle auf der Suche nach ihm ausschwärmen, um für zwei Wochen das süs­se Nichtstun zu erleben und den Makel der Scham abzustreifen, indem wir unsere Körper mit möglichst wenig (und möglichst grellbunter) Kleidung bedecken.

Jenseits von Eden
Swen (Silvan Wegmann) |

Falls Ihnen «Bibel» nichts sagt: Das ist das staubige Buch, das Sie in der Nachttischschublade im Zimmer Ihres Hotels Eden finden werden.

Nehmen wir mal an, wir wären hier diesseits des Mittelmeers gar nie christianisiert worden. Auf den Schöpfungsmythos eines nomadisierenden nahöstlichen Wüstenstammes auf der Suche nach einer von Milch und Honig durchflossenen Heimat würden wir ein heidnisch-keltisches Liedchen pfeifen. Wonach aber würden wir uns sehnen, wenn unsere eigene Mythologie keinen Garten Eden und keine Vertreibung aus selbigem kennen würde?

Die alten Maya zum Beispiel kannten in Ihrer Schöpfungsgeschichte keinen Sündenfall, dafür haben die Götter den Menschen gleich zweimal erschaffen: In einem ersten Anlauf verzichteten die Götter darauf, Menschen mit Gefühlen auszustatten. Unzufrieden mit dem Werk verwandelten sie diese in Affen, um nochmals schöpferisch zur Tat zu schreiten. Überlebt haben müssen beide Versionen: Jeder von uns kennt unzählige gefühlslose und affige Menschen.

Auf Indonesiens Insel Timor war man überzeugt, auf einem riesigen, alten Krokodil zu leben, das einst mit einem gütigen und gerechten Menschenjungen auf dem Rücken durch die Meere schwamm, bis es sich am heutigen Ort zur Ruhe setzte. Von einem solchen Mythos durchdrungen, würden wir heute nicht Dolcefarniente unter Palmen suchen, sondern Aktivwochen auf der Krokodilfarm buchen. Was für viele bedeuten würde: Das Retourticket wurde umsonst gebucht.

Bleiben wir also doch besser bei unserem reziproken Paradies-Konzept: Einmal jährlich ab Richtung Traumdestination - und sich da von Menschen umsorgen und bedienen lassen, die keineswegs vom Nichtstun träumen, sondern von den paradiesischen Löhnen, Konsumangeboten und Sicherheiten bei uns jenseits von Eden.  

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