Der Seitensprung

Dietmar Füssel | veröffentlicht am 02.03.2017

Nach 143 Jahren Nebelspalter ist es endlich so weit: Wir wagen völlig tabulos den Blick ins Schlafgemach - und für besonders hartgesottene Leser zeigen wir sogar unzensierte Cartoons mit Tieren.

Der Seitensprung
Karsten Weyershausen | (Nebelspalter)

Als Gerald Rumpl eines Abends verfrüht von einer Geschäftsreise nach Hause kam, stellte er fest, dass seine Frau Doris bereits zu Bett gegangen war. Leise öffnete er die Schlafzimmertür, weil er sie nicht wecken wollte, und bemerkte, dass das Licht noch eingeschaltet war. Ausserdem bemerkte er noch etwas anderes, nämlich einen nackten Mann, der noch dazu ausgerechnet auf seiner Frau lag. Die Situation hätte schwerlich eindeutiger sein können. Gerald räusperte sich geräuschvoll. Der Mann erschrak, wälzte sich von Do-ris runter und verbarg seine Blössen unter der Bettdecke.

«Entschuldigen Sie, darf ich fragen, wer Sie sind?», erkundigte sich Gerald.

«Mein Name ist Peter Furtner», sagte der Fremde. «Und Sie sind wahrscheinlich der Mann von der Doris ...»

«Ganz recht», bestätigte Gerald. «Sie haben soeben mit meiner Frau geschlafen, Herr Furtner, und das passt mir ganz und gar nicht. Machen Sie das öfter?»

«Nein, eigentlich nicht», antwortete Peter. «Nur ab und zu, wenn es sich gerade mal so ergibt. Wie zum Beispiel heute.»

«Es war also nicht das erste Mal?»

«Nein. Ehrlich gesagt nicht.»

«Aha», sagte Gerald. «Dann war das graue Haar, das ich letzte Woche in meinem Bett gefunden habe, also eventuell von Ihnen?»

«Aber Schatz! Mach dich doch nicht lächerlich!», meldete Doris sich zu Wort. «Du siehst doch selbst, dass der Peter keine grauen Haare hat!»

«Ich dachte, vielleicht vereinzelt ...»

«Nein, nicht einmal vereinzelt», sagte Doris. «Das ist es ja gerade, was mir an ihm so gefällt: sein fülliges schwarzes Haar. Also, wenn du mich fragst, dann war dieses Haar wahrscheinlich vom Max. Du weisst schon, unser Kaufmann. Oder eventuell auch vom Thomas, weil der hat auch schon leicht angegraute Schläfen. Aber am ehesten doch vom Max.»

«Gott sei Dank», erwiderte Gerald erleichtert. «Weisst du, Doris, ich habe insgeheim befürchtet, dass dieses Haar von mir sein könnte und dass ich jetzt schon anfange, grau zu werden, obwohl ich doch erst fünfunddreissig bin. Aber jetzt bin ich natürlich beruhigt.»

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