«Der Volkswille wird konsequent umgesetzt»

Ruedi Stricker | veröffentlicht am 27.01.2017

Wähler und Politiker entfremden sich zunehmen voneinander: Das ist eine oft gehörte Klage dieser Tage. Unser Reporter ist dagegen angetreten und hat einem Bundesparlamentarier zwei Wochen über die Schulter geschaut - und ins Tagebuch geschielt.

«Der Volkswille wird konsequent umgesetzt»
(Nebelspalter)

Montag
Mit Honegger von «aPharma» im Marmite Mittag gegessen. Werde mich ohne Vorbehalt für die PFZ einsetzen. Wir brauchen qualifizierte Arbeitskräfte. Abgesehen davon: Ohne mein Know-how ist der Verwaltungsrat der aPharma sowieso am Arsch.

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Dienstag
Windisch, Kronensaal. Podiumsgespräch in der Partei. Konsequente Linie vertreten. Die direkte Demokratie ist ohne Vorbehalt zu unterstützen. Gegen die Masseneinwanderung hilft nur die Kündigung der Bilateralen. Das Volk erwartet kein Wischiwaschi, sondern klare Worte.

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Mittwoch
VR-Sitzung in der Bank. Bei einer Kündigung der Bilateralen wäre der Ausbau unserer Standorte in Osteuropa gefährdet. Als ob die EU-Mitgliedstaaten einstimmig die Verträge kündigen würden. Dem VR erklärt, dass wir das nie hinnehmen würden.
 
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Donnerstag
Ein Journalist unterstellt mir, ich hätte vor zwei Tagen in Windisch die Kündigung der Bilateralen in Aussicht gestellt. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Hoffentlich lesen sie in der Bank diesen Mist nicht.

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Freitag
Fraktionssitzung wegen der Schutzklausel zugunsten Einheimischer bei hoher Arbeitslosigkeit in einer Branche. Das eingeholte Gutachten spricht von Diskriminierung ausländischer Arbeitskräfte und einem Verstoss gegen die Bilateralen. Die Fraktion akzeptiert meinen Antrag, ein besseres Gutachten einzuholen.

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Samstag
Das Tagblatt schreibt unter dem Titel «Der Fünfer und das Weggli», wir hätten zwischen der PFZ und der klaren Umsetzung der Initiative zu entscheiden. Endlich merkt das auch die Presse. Man kann nicht alles haben.

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Sonntag
Vater-Tochter-Gespräch mit Lara. Hat grosse Bedenken, dass sie nach einer Kündigung der Bilateralen nach dem Studium nicht in Berlin bei ihrem Freund arbeiten kann. Habe ihr geduldig erklärt, was die Aufgabe von uns Politikern ist: Dafür sorgen, dass uns die Deutschen nicht hier die besten Jobs wegnehmen und gleichzeitig sicherstellen, dass der Austausch von Wissen unter befreundeten Nationen funktioniert. Sie bleibt skeptisch. Pah, Jugendliche ??!

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Montag
Fragestunde beim Bauernverband. Bauern sorgen sich wegen der polnischen Erntehelfer, die bei einer Kündigung der Verträge ausbleiben würden. Überzeugend dargelegt, dass das ab 2018 nicht mehr Erntehelfer, sondern «Austauschstudenten im Agrarbereich» sind. Höchste Zeit, dass die diskriminierende Bezeichnung «Ern­tehelfer» verschwindet. Wir haben schliesslich auch die Neger auf den Baumwollfeldern nicht mehr.

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Dienstag
Kurzauftritt in der Sendung «Background». Der Moderator will mich festnageln, ob ich nun für oder gegen die Kündigung der Bilateralen bin. Habe ganz klar gesagt, wenn es nicht anders geht, müssen wir halt dieses Fehlkonstrukt aus Brüssel kündigen.

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Mittwoch
Anruf von Wittelsbach. Der Bank-CEO will gehört haben, ich befürworte die Kündigung der Bilateralen. Musste lang erklären, was meine Formulierung «wenns nicht anders geht» heisst. Es gibt immer einen anderen Weg. Der Begriff «Alternativlosigkeit» ist Muttis Erfindung, nicht meine.

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Donnerstag
Vertrauliches Treffen mit Parteispitze. Die wollen von mir ein schriftliches Bekenntnis zur wortgetreuen Umsetzung der Initiative und der Kündigung der Bilateralen als Bedingung für ihre Unterstützung meiner Wahl ins Präsidium. Reine Formsache; für mich war das immer klar.

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