Staphylococcus & Pseudomonasaerugiosa

Wolf Buchinger | veröffentlicht am 14.11.2016

Es ist kurz nach zwei Uhr nachts im Kantonsspital, 9. Stock. Nur im letzten Zimmer röchelt ununterbrochen der Motorradfahrer, der mit 170 km/h in die Linkskurve gerast ist. Erst jetzt ist es genügend still, dass sich die Viren und Bakterien frei und ungefährdet Ausgang gönnen. Aus jahrelanger Erfahrung springt der alte Staphylococcus auf die nahe Türklinke, denn hier ist immer etwas los...

Staphylococcus & Pseudomonasaerugiosa
Matthias Schwoerer | (Nebelspalter)

«Hallo, wir sind uns noch nie begegnet, du siehst so ganz anders aus als wir, wie darf ich dich ansprechen?»

«Ich bin eine Pseudomonasaerugiosa. Sorry, wenn ich jetzt weine, aber mein Freund ist heute Abend von einem Putzlappen entführt worden!»

«Oh, dann musst du keine Angst haben, ihm geht es nun blendend. Die gebrauchten Lappen werfen sie nämlich alle in denselben Wäschesack wie die gebrauchte Unterwäsche der Patienten. Und die waschen sie erst am Montag. Wir lassen ihn erst einmal lange fressen und holen ihn dann einfach vorher wieder raus.»

«Danke, danke! Wie darf ich meinen grosszügigen Beschützer nennen?»

«Staphy­lococcus. Du redest so anders wie wir. Woher kommst du?»

«Weit weg, aus der Wüste auf der anderen Seite des Mittelmeers. Dort gibt es keine dumme Hygiene, wir können total ungestört leben und uns beliebig vermehren.»

«Oh, hier lässt es sich auch gut leben, man muss nur wissen, wo!»

«Gibst du mir ein paar Überlebenshilfen?»

«Gerne. Du siehst sehr gut aus, darf ich einfach Mona zu dir sagen? Du hast so geile Fresswerkzeuge.»

«Deine gefallen mir auch. Okay, dann sage ich einfach Staphy zu dir.»

«Gerne. Also: Du darfst mittwochs nie auf einer Klinke sitzen, dann werden sie nämlich von einer afrikanischen Reinigungskraft mit viel Desinfektionsmittel besprayt und dabei leicht abgewischt. Das ist nicht weiter schlimm, dann wir überleben das problemlos, aber für ein paar Stunden gibt es bei den meisten einen unangenehmen Reizhusten. Ich selbst lebe seit ein paar Jahren in den Jeans des Oberarztes, das ist extrem spannend. Man kommt schnell überall hin, kann abspringen, wo man will und am nächsten Tag bei der Visite wieder aufspringen. Gewaschen werden die Hosen alle vier bis fünf Monate, in dieser Zeit setze ich spielend ein paar Tausend Nachkommen ab. Und wenn wir spüren, dass er seine Jeans beim Schlafengehen nicht neben das Bett wirft, sondern auf die Waschmaschine, dann verstecken wir uns vorübergehend auf der Rückseite seines Namensschilds, das macht er nie sauber.»

«Oh, Staphy, das ist ja eine perfekte Lebens­strategie, nimmst du mich mit?»

«Und dein Freund?»

«Den kann ich schnell vergessen, er hatte immer nur eines im Sinn: Nachwuchs zu zeugen.»

«Igitt, wie primitiv! Mit mir könntest du gut und sicher zusammenleben. Wir passen auch gut zueinander ... wenn ich so deine Sexualorgane anschaue ... was hältst du von einer Paarung? Wir könnten doch eine neue Spezies gründen, die unausrottbar ist! Darf ich dich schon einmal leicht und zärtlich zwicken?»

«Nein, ... vielleicht - aber Staphylein, wo knabberst du denn rum? Ja, das tut gut ... Wie heissen denn dann unsere Kinderlein?»

«Na logisch: Staphylococcuspseudomonasaerugiosa.»

«Oh wie schön! Dieser Name passt auf keine Desinfektionsflasche. Ja! Ja! Die Ewigkeit beginnt für uns!»

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