Susanne Ruoff

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 03.11.2016

Liebe Leserinnen und Leser dieser Zeitschrift. Zuerst möchte ich mich bei der Redaktion des dafür bedanken, dass ich an dieser Stelle Gelegenheit bekomme, zu den unlängst angekündigten Abbauplänen der Post und zur damit verbundenen Kritik Stellung nehmen zu können.

Susanne Ruoff
Michael Streun | (Nebelspalter)

Zugleich bitte ich Sie um Verständnis, dass ich nicht auf alle Ihre Zuschriften eingehen kann, einerseits aus Platzgründen, andererseits, weil ich die vor 1929 an Schulen gelehrte Sütterlinschrift nur schlecht lesen kann, und schliesslich auch deshalb, weil Stichproben darauf hinweisen, dass ein Teil der Briefe an mich mit einer zu tiefen Frankatur versehen worden sind.

Besten Dank an dieser Stelle für das sehr schöne «Basler Dybli», das ich auf dem Briefumschlag von Herrn Sarasin aus Riehen entdeckte. Leider war der Brief mit zweieinhalb Rappen deutlich unterfrankiert, zudem wurde ihr Verkehrswert am 30. September 1854 ausgesetzt, sodass ich nicht umhin komme, Ihnen eine Porto-Nachnahme zuzüglich Bearbeitungsgebühr von 50 Franken zukommen zu lassen. Die grösste Kritik betrifft bekanntlich die kürzlich angekündigte Schliessung weiterer 600 Poststellen - respektive deren Umwandlung in Postagenturen, die beispielsweise in örtlichen Lebensmittelgeschäften untergebracht sind. Natürlich bedauern wir enorm, dass Detaillisten wie Volg, Migros oder Coop niemals eine derart umfangreiche Sortimentsauswahl von Schoggistängeli, Grusskarten oder Prepaid-Handys werden anbieten können, wie Sie das vom Postschalter her gewohnt waren.

Immerhin konnten wir uns mit den künftigen Agenturpartnern darauf einigen, dass wenigstens an grösseren Standorten eine ähnliche Zahl von Kassen geschlossen sein wird, wie Sie das von nicht besetzten Postschaltern her gekannt haben.

Natürlich haben wir auch die Option geprüft, unser Unternehmen ganz in einen Detailhandelskonzern umzubauen und den unrentablen Brief- und Paketpostbereich völlig einzustellen. Marktanalysen haben aber ergeben, dass sich dies nicht mit unserer Firmenkultur vertragen hätte, die sich seit Jahren personalfreundich und sehr dezidiert gegen zu lange Öffnungszeiten eingesetzt hat.

Der Schweizerische Post kann nicht deutlich genug unterstreichen, dass sie keinen Dienstleistungsabbau betreibt, sondern dass sie nur versucht, veränderten Bedürfnissen nachzukommen bzw. diese wo immer möglich zu antizipieren. Um es mit Henry Fords berühmtem Zitat auszudrücken: «Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: 'Schnellere Pferde'.» Und so ist es unserer umtriebigen Forschungs- und Entwicklungsabteilung zum Beispiel gelungen, das grosse Bedürfnis der Bevölkerung, die «Stopp Werbung!»-Aufkleber an den Briefkästen wieder loszuwerden, bereits zu erkennen, bevor sich die Betroffenen selbst dessen bewusst geworden sind.

Ähnlich gelagert ist unser Pilotprojekt mit den Robotern, die schon heute in einzelnen Quartieren Pakete zustellen: Da tagsüber kaum mehr Hausfrauen anzutreffen sind, welche unsere Pöstler auf ein Schnäpsli hineinbitten, machen Roboter, die sich an Ihrer Gartensteckdose selbst einige Kilowattstunden ziehen können, weit mehr Sinn.

Ein anderes prestigeträchtiges Pilotprojekt, unser Versuch mit den selbstfahrenden Postautos, veranschaulicht sehr schön, wie sehr die Post bestrebt ist, den aktuellen Wandel für den einzelnen Kunden so angenehm und vertraut wie möglich zu gestalten. Auch selbstfahrende Postautos werden dank ausgeklügelten Algorithmen analog zum heutigen Standard in der Lage sein, Ihnen direkt vor der Nase abzufahren.

Der Postkonzern ist überzeugt, die Schweizer Bevölkerung bestmöglich durch den Prozess der vierten Industriellen Revolution zu bringen, an dessen Ende sogar Jobs wie meiner grösstenteils durch Roboter ersetzt werden dürften, sodass mir mehr Zeit bleibt, um an Symposien darüber zu diskutieren, was denn all die arbeitslosen Menschen mit ihrer ganzen Freizeit anstellen sollen. Zum Beispiel Golf spielen.

Zu guter Letzt möchte ich Sie dazu ermuntern, Ihre Kritik doch künftig direkt an mich zu richten und nicht mehr an Herrn Ulrich Gygi. Herr Gygi ist bereits seit 2009 nicht mehr Generaldirektor der PTT, welche übrigens seit 1998 auch nicht mehr so heisst.

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