Die Kunst des Feriengrusses

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 30.06.2016

Jetzt ist sie wieder da, die Zeit, in der sie mehrmals täglich auf den Displays unserer Handys aufpoppen werden - diese wunderbaren Statusmeldungen. Sie wissen schon...

Die Kunst des Feriengrusses
Miriam Wurster | (Nebelspalter)

Yolanda Hablützel-Bönzli, happy hier: Aqua Lounge Newport Beach, Los Angeles, CA -mit Beat Bönzli.

Sie sollten das jetzt liken, kommentieren oder teilen. Ferien sind ein so zentraler Teil unseres alljährlichen Lebens und Strebens geworden, dass sich echt kein Mensch mehr wundert, wie das denn überhaupt so lange ohne gehen konnte. Für die Menschheit. Es geht um die Zeit von 30?000 v. Chr. bis zum 8. Dezember 1946, als mit Solothurn der erste Schweizer Kanton Ferien gesetzlich regelte (jetzt mal exemplarisch herausgegriffen).

Grundanspruch damals: 14 Tage. Der Massentourismus erlebte also in derselben Zeit seinen Aufschwung, in der auch jeder Haushalt seinen ersten  Kühlschrank, die erste Waschmaschine und die Hauszufahrt die erste Knatterkiste erhielt. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass Ferien kein angeborenes menschliches Grundbedürfnis sind, sondern eine Spielart einer statusfixierten Konsumgesellschaft. Mit anderen Worten: Wir verreisen, um beneidet zu werden.

Den deutlichsten Hinweis auf das neid­orientierte Wesen des Verreisens liefert der zentrale Stellenwert des Urlaubs­grus­ses, der lange vor allem postalisch übermittelt wurde - und dem das digitale Zeitalter nun zusätzliche Ausdrucksvarianten ermöglicht hat. Zu unterscheiden sind fünf Grundtypen:


Typ E
... zeichnet sich durch eindrückliche Effizienz in der Feriengrussplanung aus. Seine Abläufe sind seit Jahren standardisiert und erprobt, weshalb er auch standhaft der digitalen Revolution  zu trotzen vermag: Typ E verschickt klassische Postkarten im dreistelligen Stückzahlbereich, um sich vor allem selbst zu vergewissern, wie viele Freunde und Bekannte er hat. Die Adressen nimmt er seit 1992 auf Selbstklebe-Etiketten vorgedruckt von zu Hause mit, seit 2005 kommt auch ein selbstklebender, jährlich leicht variierter Grusskartentext in einer lustigen Computer-Handschrift zum Einsatz.

Typ K
...steht für Kunst und Kreativität. Er stellt Qualität vor Quantität und wirft sich mit vollem Engagement der seelenlosen Smartphone-Moderne entgegen, indem er im Urlaub nicht nur Postkarten, sondern sogar persönliche Briefe verschickt, deren Umschläge er regionalspezifisch mit getrocknetem Lavendel, Edelweiss oder kleinen Muscheln befüllt. Erstaunlicherweise ist Typ K empfängerseitig kaum beliebter als Typ E. Routinierte Adressaten schütteln seine Briefe unbesehen über dem Mülleimer aus, spätestens nachdem einmal beim morgendlichen Brieföffnen eine Ladung Seychellen-Sand in die Müslischale gedonnert ist.  

Typ D
... zählt zu den Digital Natives und schafft es, sogar Typ E arbeitsökonomisch zu unterbieten: Er grüsst die Seinen grundsätzlich mit einem Einheits-SMS, der Versand läuft je nach Beschlagenheit in Sachen Smartphone-Submenüs über eine Verteilliste - ein Knopfdruck genügt.

Typ P
... steht wahlweise für Posting oder Posing. Er spart sich den Umweg über die Grüsserei und lässt sich lieber gleich direkt bewundern, indem er seine exklusive Location, exquisite Speisenfolge oder erlesene Gesellschaft in Echtzeit in den sozialen Medien dokumentiert.

Typ U
... steht für «Unfall» und ist eigentlich der einzige, der auf breite Sympathie stösst. Denn obwohl auch er gerne bewundert und  beneidet würde, bringt er es mit den unvorteilhaften Bildern seiner sonnenverbrannten Rübe, seiner grellbunten Urlaubskleidung, des fettigen Grilladentellers oder des eingegipsten Beins (Sturz beim Kamelreiten) zu ungeteiltem Mitleid und heuchlerischer Anteilnahme. Wenn wir unseren Bekannten und Verwandten also aus den Ferien wirklich Freude bereiten wollen, sollten wir die Pannen und Pleiten zeigen, die den Zuhausegebliebenen ihr Schicksal erleichtern.


Marco Ratschiller, frustriert, weil nach beendetem Artikel wegen eines Staus Termin verpasst: Bilderberger Conference Welcome Drink - mit Bill Gates, Elon Musk, Ban Ki-moon und Vujo Gavric.

Artikel erschienen in der Ausgabe

loader