Andreas Glarner

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 30.06.2016

Als Andreas Glarner eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett in eine linke Bazille verwandelt.

Andreas Glarner
Michael Streun | (Nebelspalter)

I
Er lag benommen auf einer veganen Matratze und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, auf seinen von den deftigen arabischen Mezze des Vorabends geblähten Bauch, auf dessen Höhe sich die verwaschene, regenbogenfarbene Peace-Bettdecke, zum Niedergleiten bereit, kaum noch halten konnte.

«Was ist mit mir geschehen?», dachte er. Sein Zimmer lag ruhig zwischen den vier ihm wohlbekannten Wänden. Über dem Schreibtisch, auf dem ein modernes Ultranotebook mit geöffneten Twitter- und Facebook-Anwendungen stand - Glarner war Populist -, hing ein Bild, das er in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte.

Glarners Blick richtete sich auf den Wandspiegel und das sich ihm darbietende blasse Spiegelbild - er sah in die kurzsichtigen Augen eines gefühlsduseligen Gutmenschen - machte ihn ganz melancholisch.

«Ach Gottchen», dachte er, «was für einen seltsames Schicksal hat mich ereilt? Gestern noch war ich der gefeierte Hardliner der Volkspartei, der die Kunst der Provokation und das Spiel mit dauerempörten Medien beherrschte wie der abgehalfterte Zürcher Medizinhistoriker in seinen besten Jahren. Gestern noch liess ich in meiner Gemeinde Häuser abreissen, damit der Staat darin keine Flüchtlinge unterbringen kann. Gestern noch machte ich mich auf Facebook gekonnt über das Aussehen politischer Gegnerinnen lustig, ohne dass man mich auf etwas hätte behaften können.»

Glarner richtete sich auf, tastete auf dem Nachttisch nach der Brille und hielt nicht seine gewohnte Designer-Brille, sondern eine klapprige, runde John-Lennon-Brille in der Hand. Verwundert setzte er diese auf, sah sich im Zimmer um und staunte nun noch mehr. Im goldenen Rahmen hing kein Porträt von General Guisan, sondern eine Patenschaftsurkunde von World Vision für den kleinen Matayo Ngunoue im Tschad. Das Buch, das als Bettlektüre bereitlag, war nicht - wie doch gestern noch - ein hand­signiertes Exemplar des «Blocher-Prinzip», sondern Jean Zieglers letztes Pamphlet gegen den Raubtierkapitalismus, mit persönlicher Widmung.

II
Glarner hatte genug gesehen. Die linke Brut schien ihm einen üblen Streich spielen zu wollen, nein, eine kindische Lektion zu erteilen. Er griff zum Handy und wählte die Nummer des Präsidenten. Leider wurde nichts aus der vertrauten Stimme von Albert Rösti. Noch bevor das «Oui, Levrat?» am anderen Ende ganz verklungen war, hatte Glarner bereits erschrocken das Smartphone fallen gelassen. In langsam hochkriechender Panik hob er das Gerät wieder auf und öffnete den Kontakt eines anderen Vertrauten. «Roger Köppel», stand da, und dazu: «Chefredaktor WOZ, Die Wochenzeitung.»


«Es reicht!», schrie Glarner, der erfolgreiche Nationalrat und keulenschwingende Asylchef. Er spürte den kalten Schweiss auf seiner Stirn, versuchte krampfhaft, seinen Atem zu kontrollieren und einen klaren Gedanken zu fassen. Wieso sollte er einfach eines Morgens als linke Bazille erwachen? Das war doch geradezu kafkaesk! Es konnte eigentlich nur eine Erklärung geben: Glarner war noch gar nicht erwacht, sondern nur in einem besonders real erscheinenden Traum gefangen. «Wer in einem Traum erkennt, dass er träumt, kann diesen auch beenden», kombinierte Glarner scharf. Er kniff sich in den linken Oberarm. Er kniff sich in den rechten Oberarm. Er ohrfeigte sich hemmungslos. Doch Glarner wachte nicht auf. Da stürzte er aus dem Schlafzimmer, die Treppe hinunter, rannte zum Gartenhaus, wo er auf eigene Rechnung acht Kilometer Stacheldraht eingelagert hatte, bereit für den nahen Ernstfall in Oberwil-Lieli. «Wenn ich mich mit voller Kraft in den Stacheldraht werfe, muss der Schmerz mich einfach aufwecken!»

III
Als sich Glarner wie ein Irrer in den Raum stürzte und mit voller Wucht in die gegenüberliegende Wand knallte, war die syrische Flüchtlingsfamilie gerade beim Morgengebet Fajr. Achmed beugte sich besorgt zu Glarner hinab, der nun bewusstlos am Boden lag. Achmed, der tiefe Dankbarkeit empfand gegenüber dem Herrn, der ihnen seit Monaten Unterschlupf gewährte, runzelte die Stirn. «Welche bösen Geister haben in wohl wieder geplagt?», flüsterte er halb zu sich, halb zu seiner Frau Sahida und den beiden Kindern Faisal und Zaara.

Rechtlicher Hinweis: Dieser Text enthält diverse nicht näher deklarierte Zitate aus der berühmten Erzählung «Die Verwandlung» von Roger Schawinski.

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