Brille: Spielplan

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 02.06.2016

Es muss auch einmal genug sein. Monatelang haben wir uns am Zerfall des Weltfussballverbands Fifa ergötzt, am Spott über Joseph S. Blatter gelabt und in den nicht enden wollenden Hiobsbotschaften vom Zürichberg und «Baur au Lac» gesuhlt.

Brille: Spielplan
Swen (Silvan Wegmann) |

Dabei liess uns die Schadenfreude über die Implosion dieses aufgeblähten, korrupten Weltfussballs beinahe vergessen, dass wir ihn bei aller Kritik doch irgendwie schätzen - um nicht zu sagen: nötig haben; dass wir dem Reiz dieser wiederkehrenden inter­nationalen Turnier-Rituale doch irgendwie ganz gerne erliegen. Vor allem dann, wenn die eigene Mannschaft, bekannt als «Albanien II», in der Endrunde mitvertreten ist.

Besonders faszinierend ist ja, dass bei diesen Grossanlässen für alle etwas dabei ist, selbst für jene, deren Lustgewinn darin besteht, die Sause schlechtzureden oder das Phänomen soziokulturell von oben herab zu belächeln. Also auch für Editorial-Schreiberlinge wie mich. Denn auch Schreiberlingen wie mir verschafft die EM in Frankreich eine Verschnaufpause, während der sich niemand an heranwogenden Flüchtlingswellen, machthungrigen Autokraten oder schummelnden Saubermännern die satirischen Zähne auszubeissen braucht.

Vom 10. Juni bis 10. Juli verwandeln sich die Drahtzäune Europas in Tornetze. Für 30 Tage wird aus dem Kontinent der hochgezo­genen Mauern ein Kontinent der durchlässigen Tore. Auch wenn auf dem Rasen bestimmt nicht immer der Beste gewinnt, so sind doch Turnierablauf und Regeln überschaubar. Vielleicht sollte man diese Wochen einfach vorbehaltlos geniessen. Die ganze gequirlte Scheisse der Realität bricht danach sowieso wieder über uns herein. In diesem Sinne - Brille: Spielplan.

Artikel erschienen in der Ausgabe

loader