Ancillo Canepa

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 02.06.2016

Das bedarf jetzt vielleicht einer Erklärung. Unser «Tor des Monats» im Juni, Ancillo Canepa, ist weder ein gestrauchelter Politiker noch ein ertappter Wirtschaftskrimineller, sondern ein einfacher Klub­­­präsident in einer mittelgros­sen, zwinglianisch geprägten Stadt zwischen Baden und Winterthur. Einer Stadt, welcher seit Jahren die Mittel für ein Fussballstadion fehlen und wo Fussball deshalb als Leichtathletik-Disziplin geführt wird.

Ancillo Canepa
Michael Streun | (Nebelspalter)

Diese Stadt hat übrigens zwei Fussballvereine. Ancillo Canepa ist Präsident jenes Klubs, der in diesem Jahr Cupsieger geworden ist. Aber: Er ist zugleich Chef jener Mannschaft, die kommende Saison erstmals seit 28 Jahren nicht mehr in der obersten Liga spielen wird. Und - jetzt kommts - daran ist Ancillo Canepa auch ein gaaanz kleines bisschen selbst schuld. Darin sind sich die allermeisten Fussball­experten jedenfalls einig.

Ancillo Canepa hat nämlich während der zu Ende gegangenen Saison zahlreiche strategische Fehler gemacht. Und es boten sich ihm Möglichkeiten sonder Zahl, strategische Fehler zu machen. Denn Ancillo und seine Frau Heliane nehmen im Organigramm des FCZ nicht weniger als 13 Schlüsselpositionen ein, hat das Schweizer Radio vorgerechnet. Damit sollte dem geneigten Leser nun auch klar sein, weshalb sich ein zweitklassiger Klubpräsident für die renommierte Rubrik «Tor des Monats» qualifiziert. Genau: Kumuliere Ämter und Funktionen nach Lust und Laune, aber um Himmels willen hüte dich vor der Zahl 13!

So weit jedenfalls die bisher offizielle Lesart. Denn einige Tage nach dem besiegelten Abstieg hat Ehefrau Heliane Canepa in einem Interview mit Ringier-Qualitätsmedien* durchblicken lassen, dass der Abstieg in die Challenge League auch positive Seiten habe, denn bei Partien in der zweiten Spielklasse dürfe das Ehepaar Canepa nun endlich auch seinen geliebten Hund mitnehmen. Zu welch irrationalen Handlungen die Liebe zu Haustieren einen Menschen treiben kann, zeigt die Tatsache, dass die Redensart «Einen Klub vor die Hunde gehen lassen» bereits vor dem Abstieg des FCZ gebräuchlich war und dass die Canepas sich damit vermutlich auf unrühmliche Vorbilder in der Geschichte der Fussballklubführung berufen können. Für den FCZ dauern die Hundstage also nicht ein paar Sommerwochen, sondern mindestens eine Saison lang.

Landesweit für Aufsehen gesorgt hat aber nicht nur Ancillo Canepa, sondern auch die Anpassungsfähigkeit der FCZ-Fans, die sich noch in den letzten Stunden in der obersten Liga bereits zweitklassig benommen haben, indem sie ihre Mannschaft trotz einem ab­schlies­senden Cupsieg auspfiffen und im Gewaltrausch sogar den Spielern bis in die Katakomben des Fussball... - pardon, Leichtathletikstadions nachgestellt hatten.

Richtig verstehen kann man den Frust der Fans eigentlich nur, wenn man sich klarmacht, dass in der Challenge League nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für die Anhänger bescheidenere Verhältnisse herrschen: Pyrotechnisch sind in der Südkurve nur bengalische Streichhölzer erlaubt und die Fanzüge der SBB dürfen nicht mehr versprayt, sondern nur mit wasserlöslichen Fingerfarben bemalt werden.

Viele andere Traditionsvereine sind aber ein leuchtendes Beispiel dafür, dass das System mit den zwei Spielklassen grundsätzlich positiv ist und ein zeitweiliger Abstieg wie ein Jungbrunnen wirken kann, dem man nach Jahresfrist frisch gestählt entsteigt. Wie zum Beispiel der FC Aarau! Pardon: Xamax! Pardon: Servette? So, jetzt aber: St.?Gallen!

Damit nicht genug: Fachleute fordern sogar, dass die Unterteilung in zwei Spielklassen mit Aufsteigern und Absteigern längst auch ausserhalb des Sports zur Anwendung gelangen sollte. Beim Schweizer Parlament ist die Idee zwar ansatzweise erkennbar, aber sehr halbbatzig umgesetzt: Während die meisten National- wie auch Ständeräte im Parlament nur zweitklassig Politik machen, erhalten dennoch alle ein erstklassiges Generalabo. Und übrigens: Hunde sind an den Spieltagen der beiden Kammern, Sessionen genannt, keine zugelassen. Dennoch ist es einzelnen Parteien gelungen, Wadenbeisser ins Bundeshaus einzuschleusen.

* Wer bis jetzt noch kein einziges Mal schmunzeln musste, hat tatsächlich erst eine Pointe verpasst, läuft aber genau an dieser Stelle Gefahr, bereits die zweite zu übersehen.

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