Am Anfang war der Apfel

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 04.05.2016

Wir sind uns ja schon lange einig: Die Welt ist nicht nur schlecht, sie rückt auch Tag für Tag ihrem Ablaufdatum näher. Die allabendliche Tagesschau schlägt auf den Magen, Gang für Gang werden unverdauliche Schlagzeilen serviert, derweil wir Konsumenten mit zunehmenden Unverträglichkeiten auf bestimmte Sichtweisen und Sachlagen reagieren.

Am Anfang war der Apfel
(Nebelspalter)

Aufmerksame Leser ahnen es bereits: Die ganzen Küchen-Metaphern sind nicht zufällig in diese ersten Zeilen gestreut. Wer am Leid der Welt zu zerbrechen droht, hält es am besten von sich fern, indem er es gar nicht an sich herankommen lässt.

Küche und Esstisch sind eine Ersatzwelt für sich. Eine, die wenigstens das Gefühl vermittelt, Akteur zu sein und durch seine Entscheidungen und Handlungen sich selbst, seinen Liebsten und Gästen Gutes tun zu können. Und auch durch die eigene Produktwahl Umwelt, Herstellung und Handel aktiv mitzugestalten. Um aber ehrlich zu sein: Viel übersichtlicher als die Weltlage ist so ein durchschnittliches Küchenliteratur-Regal auch nicht. Richtiges und gutes Essen, das ist die Ersatzreligion des 21. Jahrhunderts. Wobei man, im Plural, von Religionen sprechen sollte. Übrigens zeigen aktuelle Studien ausgerechnet jetzt, wo «vegan» seit einiger Zeit total im Trend ist, dass auch Pflanzen weit höher entwickelt sind als vermutet. Da bleibt auch uns über kurz oder lang nur noch Photosynthese für eine Ernährung mit gutem Gewissen.

Wussten Sie, dass der heilige Gral in der Haute Cuisine derzeit das «Sous-vide»-Gerät ist, mit dem vakuumierte Lebensmittel aufs Zehntelgrad genau gegart werden? Hätte Eva ihrem Adam den Apfel sous-vide gereicht ? 70 Minuten bei 82,7?° Celsius ? wäre Gott genug Zeit geblieben, im letzten Moment einzuschreiten. Und wir hätten heute wegen der Weltlage eindeutig weniger Sodbrennen. Kreis geschlossen.

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