Nichts ist für immer

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 03.12.2015

In den Augen des Allmächtigen ist unsere ganze Gegenwart nicht mehr als ein Wimpernschlag, heisst es. Und mit Blick auf die Ereignisse des Jahres besteht auch kaum Zweifel, dass der Gute die Augen gerade geschlossen hat...

Nichts ist für immer
Swen (Silvan Wegmann) |

Umgekehrt kann so ein Wimpernschlag eine gefühlte Ewigkeit dauern. Etwa wenn man sich plötzlich Pissoir an Pissoir neben dem eigenen Chef wiederfindet und sich schockstarr überlegt, ob man jetzt Smalltalk machen oder die Situation einfach gewinnend lächelnd bis blöde grinsend wortlos zu Ende bringen soll.

Zeit ist sehr relativ, das hätten wir wohl sogar auch ohne diesen durchgeknallten Physiker bemerkt, der seinen Namen einer SRF-Wissenschaftssendung abgekupfert hat. Der Zeitbegriff unseres designierten Bundespräsidenten 2016 liegt übrigens vermutlich näher beim göttlichen Wimpernschlag als beim irdischen Toiletten-Smalltalk. Auf jeden Fall soll nach Informationen unseres Bundeshauskorrespondenten mit Hochdruck an einer Neujahrsansprache gearbeitet werden, welche die übliche Amtsdauer nicht allzu stark überschreitet.

Auch als Autor von Editorials tut man gut daran, sich über die Vergänglichkeit der eigenen Schreibe im Klaren zu sein. Es macht gar keinen Sinn, hier tolle philosophische Einsichten zur Relativität der Zeit verbreiten zu wollen. Bereits in 102 Sekunden gilt Ihre Aufmerksamkeit dem Text in der dritten Spalte. In 104 Sekunden haben Sie das ganze Heft durch. In 108 das nächste Heft in der Hand. In 1012  gehört die Hand, die dieses Magazin vielleicht noch abonniert hat, Ihrem Sohn. In 1016 Sekunden wird die Menschheit von intelligentem Brokkoli verdrängt worden sein, in 1020 unsere Galaxie vom eigenen Schwarzen Loch verschluckt. Bei diesen Aussichten sollte man sogar die Neujahrsrede geniessen können.

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