007 gegen SRF-ECTRE

Roland Schäfli | veröffentlicht am 10.11.2015

Seine weitaus tödlichste Mission steht ihm noch bevor: «Spectre» ist nur der Anfang von Bonds Kampf gegen Gangster-Organisationen, wie der Auszug aus dem Originalbuch von 007-Schöpfer Ian Fleming zeigt.

007 gegen SRF-ECTRE
(Nebelspalter)

Der Aston Martin DBS schnurrte auf den Parkplatz und fiel neben den luxuriösen Limousinen der TV-Stars nicht weiter auf. Der von Anthony Sinclair massgeschneiderte Savile-Row-Anzug raschelte angenehm, als der Fahrer behende ausstieg. James Bond musterte das Gebäude, wie ein Mann seinen Gegner mustert. Ein angsteinflössender Klotz. Die Fassade der Schweizer Fernsehanstalt konnte die geschärften Sinne des Geheimagenten nicht täuschen. Hinter der biederen Hülle aus Glas und Stahl verbarg sich die geheime Machtzentrale von SRF-ECTRE (Swiss Television for Culture and Terror).

Nach dem Bankgeheimnis sollte der britische Secret Service der Schweiz nun auch noch ihr bestgehütetes Geheimnis entreissen. Ein Dokument, verborgen hinter diesen abweisenden Mauern. Bond, der noch immer aussah wie Daniel Craig, der sich nach Kräften bemüht, auszusehen wie James Bond, faltete seine Persol-Sonnenbrille (558 Euro) zusammen und stiess entschlossen die Drehtür auf. Durch die List, sich als Zuschauer auszuweisen, der als Claqueur für die «Arena» aufgeboten wird, erhielt er sofort ungehinderten Zutritt.

Er musste ins Herz dieser Institution vorstossen. Dort, wo die meisten SRF-ECTRE-Mitarbeiter sich aufhalten, Pläne schmieden, wie sie die Medienherrschaft an sich reissen und durch die Billag Milliarden erpressen können. Er suchte darum die Kantine auf. Tatsächlich, da waren sie alle versammelt. «Ich bin blond. Schön blond», stellte sich Kurt Aeschbacher vor. An einem Tisch spielte Roman Kilchsperger Casino Royale und liess gerade ein Ass im Ärmel verschwinden, das ihm in der nächsten Jass-Sendung zupass­­kommen würde. Ein Blick auf seine Omega-Seamaster zeigte Bond, es war noch zu früh für ein Heineken. Aber Zeit, die Welt zu retten. Intuitiv drückte er im Lift den obersten Knopf «Top of Switzerland» und fuhr geräuschlos zur Teppichetage hoch. Dort, im Elfenbeinturm, vermutete er im Büro des TV-Direktors das Papier, das den Glauben des Schweizer Fernsehpublikums in seinen Grundfesten erschüttern würde.

Bond war in seinen 50 Dienstjahren mehr als einmal von grössenwahnsinnigen Übermenschen konfrontiert worden. Auge in Auge hatte er mit ihnen gerungen und dabei dem Tod mehrfach ins Auge geblickt. Doch nichts hätte ihn auf die Begegnung mit dem «Schielenden» vorbereiten können. Es war praktisch unmöglich, dem Tod so ins Auge zu blicken. «Ah, so sehen wir uns also wieder, Mr. Bond», sagte der Schielende hinter seinem Schreibtisch hervor. Es war ihm gelungen, Bond zu verblüffen. «Wir haben uns schon einmal gesehen?». Der Schielende blickte gleichzeitig in Bonds Richtung und nach dem Alarmknopf unter dem Schreibtisch. «Das nicht», sagte er zeitschindend wie eine Werbepause, «aber ich sehe Sie in den zahllosen Wiederholungen auf unserem Sender. Wir pflegen bei Wiederholungen das Man lebt nur zweimal-Prinzip.» Mit einer Schnelligkeit, die Bond bei einem Agenten des Service public nicht erwartet hatte, langte er nach dem Knopf. Bond war zu irritiert, um einen Faustschlag zwischen die Augen zu landen. Er verpasste dem TV-­Direktor ein Goldeneye. Doch schon lärmte im ganzen Gebäude die ohrenbetäubende Durchsage: «Alarm! Natalie Rickli ist eingedrungen! Ausgänge verschliessen!»

Bond zwang sich, systematisch zu suchen. Die Schublade mit der Aufschrift «Lobbyisten» enthielt eine Liste mit Sendungen, in die immer wieder dieselben Politiker eingeladen werden müssen. Die Schublade «Eigenproduktionen nach eigenen Ideen»: leer. Hingegen quoll «Von anderen Sendern abgekupferte Formate» über. Endlich fand Bond, wonach er suchte: «Geheime Liste der Produktionskosten - nicht verwechseln mit Liste der veröffentlichten falschen Kosten». Bond warf nur einen flüchtigen Blick darauf: Sendungen wie «Kulturplatz» und «Literaturclub» kosteten Millionen. Durch buchhalterische Kniffe wurden die Beträge anderen Kostenträgern wie der «Tagesschau» zugerechnet. Bond wusste, mit diesem Papier steckte er sich Dynamit in die Tasche.

Schon stürzten sich die SRF-ECTRE-Häscher auf ihn. Ein Judo-Griff parierte Stephan Klapproths Versuch, ihn mit der Enzyklopädie gesammelter Reime zu erschlagen. Nik Hartmann liess seinen Hund von der Leine. «Fass, Oshkosh!» Die mahlenden Kiefer des Viehs - der Fernsehgemeinde stets als netter Familienhund präsentiert - suchten nach Bonds Halsschlagader. Doch die Kugel aus der Walther PPK, von 007 in einem Reflex abgefeuert, über den er nicht nachzudenken brauchte, stoppte die Töle noch in der Luft. Dass der Publikumsliebling alle Viere von sich streckte, lähmte die Armee der SRF-ECTRE-Schaffenden, verschaffte Bond einen Moment Vorsprung. Noch am Ausgang versperrte ihm der vielleicht gefährlichste Medienschaffende den Weg. Sein riesiges Gebiss erinnerte ihn an seinen Kampf mit dem «Beisser». Schawinski stürzte sich mit seinem tödlichen Grinsen auf Bond. Schon roch 007 aus dem wie immer weit aufgerissenen Mund den Hauch des Todes. Doch das hatte 007 kommen sehen. Er blockierte die gebleachten Kauwerkzeuge mit einer Geheimwaffe aus dem Q-Labor, einem so genannten «Thiel», was seinem Angreifer den Mund stopfte.

Als er im Rückspiegel seines davonpreschenden Aston Martin SRF-ECTRE kleiner und ungefährlicher werden sah, hatte er die Liste bereits gescannt und an Moneypenny gesandt. Die echten Kosten wurden soeben weltweit veröffentlicht. James Bond lächelte sein kleines, grausames Lächeln. «Ein Quantum Trost für alle Billag-Zahler.»

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