Der Bart der Prinzessin

Dietmar Füssel | veröffentlicht am 01.10.2015

Es war einmal ein junger Bauernsohn namens Peter, der erfuhr eines Tages davon, dass der König demjenigen sein halbes Reich und die Hand seiner Tochter versprochen hatte, dem es gelänge, sie von ihrem starken Bartwuchs zu befreien...

Der Bart der Prinzessin
Petra Kaster | (Nebelspalter)

Frohgemut dengelte Peter seine Sense, legte sie sich über die Schulter und machte sich auf den Weg in die Hauptstadt. Natürlich nahm er auch ein Znünipaket mit, das drei Butterbrote enthielt, und als er sich nach einigen Stunden zu einer kurzen Rast hinsetzte und das erste Butterbrot auspackte - kommt da doch glatt irgendeine alte Schachtel daher und schnorrt ihn an. Peter hatte ein gutes Herz und teilte das Butterbrot mit ihr. Als sie fertig gegessen hatte, bedankte sich die Alte überschwänglich, worauf Peter eine Frage an sie richtete, nämlich folgende: «Sag, altes Mütterchen, weisst du zufällig, wie man eine Frau, die unter starkem Bartwuchs leidet, von diesem Schönheitsfehler befreien kann?» «Sie soll es mal mit einer Enthaarungscreme versuchen, die gibt es in allen Apotheken und Drogerien zu kaufen.» «Das weiss ich, aber die Wirkung von Enthaarungscremes ist nicht von Dauer.» «Tja, Söhnchen, ein anderes Mittel kenne ich leider auch nicht, bedaure, ich kann dir nicht helfen», sagte sie und verliess unseren Helden.  

* * *

Bei seiner nächsten Rast wurde Peter von einem hässlichen, stark haarenden Köter belästigt. «Vielleicht kann der mir helfen», dachte Peter und gab dem Hund die Hälfte seines zweiten Brotes, die von dem Tier gierig verschlungen wurde. «Kennst du ein Rezept gegen weiblichen Bartwuchs?», fragte Peter den Köter, als sie mit dem Picknick fertig waren. «Du scheinst ja immerhin ein Spezialist in Sachen Haarausfall zu sein...» Der Hund bellte, hob das Bein, pinkelte und lief fort. Peter hatte nicht bedacht, dass die wenigsten Hunde sprechen können - ein Fehler, der ihn immerhin ein halbes Butterbrot gekostet hatte. Auf die Idee, etwas von dem Hundeurin mitzunehmen und ihn der Prinzessin in einem goldenen Becher zu geben, kam er nicht. Übrigens wäre es auch sinnlos gewesen. Hundeurin hilft eben nicht gegen weiblichen Bartwuchs, davon wussten schon die alten Griechen ein Lied zu singen, dessen genauer Text aber leider bei dem grossen Erdbeben von 49 vor Christus verloren gegangen ist.

* * *

Eine Stunde später kam Peter zu einem alten Haus, in dem eine alte Hexe lebte. Er klopfte an die Tür und trat ein. Nachdem die Hexe schnell noch zwei Kröten in einen brodelnden Kessel geworfen hatte, wandte sie sich ihrem Besucher zu. «Was kann ich denn für dich tun, Söhnchen?», fragte sie. «Ich brauche ein Mittel gegen weiblichen Bartwuchs», erklärte Peter. «Angenommen, ich hätte eines: Was würdest du mir dafür geben?» «Wie wärs mit einem halben Butterbrot?», schlug Peter vor. «Willst du mich verarschen?», fragte sie ärgerlich. «Ich hexe prinzipiell nur gegen Bares, Naturalien sind uninteressant.» Enttäuscht ass Peter das dritte Brot selbst, verliess die Hexe und erreichte bald darauf die Hauptstadt. Dort war höllisch was los, Jubel, Trubel, Heiterkeit. Auf seine Frage hin, was das alles zu bedeuten habe, erfuhr er, dass es der bekannten Ärztin Dr. Maria Schöller gelungen war, die Bartwuchsprobleme der Prinzessin mithilfe einer Hormonkur zu beseitigen, und weil der König zu seinem Wort stehen musste, wurde seine Tochter an jenem Tag mit der lesbischen Ärztin vermählt.

* * *

Betrübt schulterte Peter wieder seine Sense und machte sich auf den Heimweg. Er kam zum Hexenhaus, zögerte kurz, dann klopfte er und trat ein. «Du? Was willst du denn schon wieder hier?», fragte die Hexe ungnädig. «Ich ... ich wollte dich nur bitten, mir eine ... eine Frage zu beantworten», stotterte Peter schüchtern. «So? Welche Frage denn?» «Ich möchte wissen, warum ich immer nur Pech habe.» «Tut mir leid, aber auch derlei Auskünfte erteile ich nur gegen Barzahlung», erklärte die Hexe. «Und jetzt verschwinde, sonst hetzte ich meine Lurche auf dich.» Peter gehorchte und wanderte weiter. «Warum habe ich immer nur Pech?», fragte er einige Stunden später den hässlichen, haarenden Köter, doch leider konnte dieser immer noch nicht sprechen und blieb ihm die Antwort schuldig.

* * *

Endlich traf Peter auch die alte Schachtel wieder, der er das halbe Butterbrot geschenkt hatte. «Kannst du mir sagen, altes Mütterlein, warum ich immer nur Pech habe?», fragte Peter. «Vermutlich liegt das daran, dass du ein Vollidiot bist», antwortete sie. Peter war über diese Antwort mehr als verärgert, nahm seine Sense und schlug damit der Alten den Kopf ab. Plötzlich machte es: Poff! Und anstelle der alten Schachtel, die er soeben enthauptet hatte, stand eine andere alte Schachtel vor ihm. «Danke. Vielen, vielen Dank», sagte sie. «Du musst wissen, dass ich vor langer, langer Zeit von einer bösen Hexe in eine alte Schachtel verwandelt wurde, doch du hast mich erlöst. Willst du mich heiraten?» «Äh ... ich ... entschuldige, ich möchte dich nicht kränken, aber ... der Altersunterschied », stotterte Peter verlegen. «Wäre dir etwa eine junge Prinzessin lieber?», fragte die Alte. «Also, wenn ich ehrlich sein soll: Eigentlich schon», gab Peter zu. «Entschuldige, aber das versteh ich jetzt nicht ganz», sagte die Alte irritiert. «Wenn du eine junge Prinzessin haben willst - warum hast du dann nicht den hässlichen, haarenden Köter enthauptet, - der wäre nämlich eine junge, verwunschene Prinzessin gewesen - sondern mich?» «Weil ich immer nur Pech habe», antwortete er deprimiert. «Immer habe ich nur Pech, und ich versteh einfach nicht, warum. Weisst du es?» «Ich glaube schon», erwiderte diese. «Aber ich kann es dir leider nicht sagen.» «Und warum nicht?» «Weil es tödlich für mich wäre, noch einmal von dir enthauptet zu werden», antwortete die Alte.

Artikel erschienen in der Ausgabe

loader