Dann kleben sie noch heute

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 01.10.2015

Es ist selbstverständlich kein Zufall, dass der Nebelspalter auf die eidgenössischen Wahlen hin das Schwerpunktthema «Märchen» ins Blatt rückt. Obwohl man mit einem solchen Vergleich bei näherer Betrachtung der Gattung Märchen unrecht tut.

Dann kleben sie noch heute
Swen (Silvan Wegmann) |

Wo Grimms Gebrüder stets mit «Es war einmal?...» beginnen, stellt des Wahlkämpfers Geplauder vage sein «Es wird einmal sein» in Aussicht. Wo Hans Christian Andersen stets mit moralisch wertvollem Happy End schliesst, wächst sich Realpolitik nicht selten zur zweifelhaften Never ending story aus. Hier sind es die Erzählungen aus 1001 Nacht, die uns alle verzaubern, dort 1001 Motionen, Interpellationen oder Postulate, die den Politbetrieb lähmen. Und während im Märchen die Helden der Geschichte am Ende noch immer leben - wenn sie nicht gestorben sind - gilt für Politiker in aller Regel «wenn sie nicht gestorben sind, dann kleben sie noch heute.» Und zwar an Amt und Parlamentsitz fest.

Dennoch oder gerade deshalb stellt sich zu Recht die Frage, wie zeitgemäss und pädagogisch sinnvoll die alte Märchenwelt überhaupt noch ist. Tun wir  unseren Kindern einen Gefallen, wenn wir sie mit Erzählhandlungen konditionieren, in denen stets das Gute gewinnt und das Böse seiner gerechten Strafe zugeführt wird? Behindert ein Weltbild, in dem Gutes genuin gut und Böses genuin schlecht ist, die Sicht auf die Realität, in welcher die brutalsten Schlächter der Menschheit wie Hitler und Stalin überzeugt waren, auf der Seite des Guten zu stehen, und in der manche Katastrophe erst die darauffolgende Hochblüte ermöglicht hat?

Viel Spass mit unserem märchenhaften Themenschwerpunkt und den sanften Restaurationsarbeiten an Grimms Klassikern!

Artikel erschienen in der Ausgabe

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