Mythen unter uns

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 03.09.2015

Wir müssen uns da ja nichts vormachen. Also, Sie und ich. Die meisten von uns - ich meine die, die jetzt keine Anker-Sammlung zu Haus hängen und eine eigene Volkspartei zu finanzieren haben - die haben das ja längst kapiert.

Mythen unter uns
Swen (Silvan Wegmann) |

Sie wissen schon, die Sache mit den Schweizer Mythen. Die aus Dänemark importierte Tell-Legende. Die glorreiche Schlacht am Morgarten, die leider kein Chronist jener Zeit für erwähnenswert gehalten hat.

Natürlich pflegen wir liebevoll unsere modernen Mythen, die nach wie vor helfen, unser Leben besser zu bewältigen. Etwa der Mythos mit den 2,5 Litern Wasser, die wir täglich trinken sollen (dabei braucht der Körper pro Tag insgesamt 2,5 Liter Flüssigkeit, also inklusive Früchten, Gemüse oder Kaffee). Oder der Mythos vom Abfallberg an der Streetparade (129 Gramm hinterliess dieses Jahr ein Raver - jeder Schweizer produziert jedoch täglich knapp volle 2 Kilo).

Moderne Mythen gedeihen wie die althergebrachten am besten im Grenzgebiet von Wissen, Glauben und «Ich glaube zu wissen». Wobei, einmal als Mythos entlarvt, existieren sie oft auch als «Ich weiss, dass ich das nur glaube» weiter. Was einmal wörtlich für bare Münze genommen wurde, ist jetzt, wo man es «eher so im übertragenen Sinn deuten soll», natürlich nicht weniger falsch. Bischöfe gehen zum Beispiel mit dem «Wort Gottes» derart um, das vor 2500 Jahren stellenweise zu Mord und Totschlag aufgerufen hat. Heute ist klar: War ja nicht wörtlich gemeint.

Dass sämtliche angehäuften Fakten dieser Welt gegen die Kraft geschickt gestrickter Mythen keine Chance haben, ist gewissermassen ein Fluch der Menschheitsgeschichte. So kann man nur hoffen, dass Sie bei Ihren 2,5 Liter Wasser bleiben. Und nicht plötzlich wieder alles wörtlich nehmen, was in der Bibel steht. Oder im Koran. Oder im «Nebi».

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