«Jeder sieht in mir sofort einen Verbrecher»

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 27.07.2015

Dies ist die Geschichte von Tobias L.* - eine Leidensgeschichte. Denn Tobias L.* kam bereits mit einem verpixelten Gesicht zur Welt. Eine Welt, die ihn täglich erbarmungslos an seine seltene Krankheit erinnert.

«Jeder sieht in mir sofort einen Verbrecher»
(Nebelspalter)

Wir treffen Tobias L.* in einer wenig ausgeleuchteten Ecke des Restaurants «Zur alten Post» in Dübendorf. Den Platz hat Tobias L.* ganz bewusst gewählt. Schummrig, abgeschieden, im Bestreben darum, nicht allzu sehr aufzufallen. Obwohl er eigentlich ganz gerne unter Menschen wäre. 

Schock bei der Geburt

«Tetragonomanie» hat die Schulmedizin den Gendefekt getauft, unter dem Tobias sein ganzes Leben lang gelitten hat und leiden wird. «Tetragon» für griechisch «Quadrat», «Manie» für «Sucht». Die kleinen flächigen Quadrate an jener Stelle, an welcher «normale» Babys ihr Gesichtchen haben, waren schon bei der Geburt nicht zu übersehen. Natürlich auch zum Entsetzen der eigenen Eltern. 

Doch während die Eltern von Tobias L.* gelernt hatten, mit der Anomalie ihres Sohnes umzugehen und ihn voll und ganz ins Herz zu schliessen, haben Schule und Nachbarschaft dem Jungen stets ihr hässlichstes Gesicht gezeigt. Tobias L.* wurde, trotz überdurchschnittlicher Intelligenz, sportlicher Begabung und einem wunderbaren Sinn für Humor, eine ganze Kindheit lang gemieden, ausgestossen, gehänselt. 

«Menschen kennen verpixelte Gesichter halt immer nur aus Berichten über Kriminelle oder Opfer», resümiert L.* nachdenklich: «Da liegt der Analogieschluss natürlich nahe.» Dass man ihn auf dem Schlufhof «Verbrecher» oder «Du Opfer!» nachrief, gehört noch zu den harmlosesten Alltäglichkeiten seiner Jugend. 

Hoffnung auf Retina-Therapie

Warum man mit Tetragonomanie geboren wird, darauf hat die Wissenschaft bis heute keine brauchbare Antwort. Tobias L.* kennt persönlich keine Leidensgenossen, geht aber davon aus, dass im Schutz der Anonymität auch andere diesen seltenen Defekt haben. «Ich verstehe es, dass niemand den Gang an die Öffentlichkeit sucht. Man wird am Ende wahrscheinlich ohnehin nur als billiger Hoax abgetan.»

Entsprechend enttäuschend sieht es auf dem Gebiet der Forschung aus. Die Europäische Forschungsdatenbank «Eurience» führt einen einzigen, kümmerlichen Eintrag zum Thema: Demnach hat der britische Physiognome Bernie Blur 2013 in einer Studie herausgefunden, dass die Grösse der Pixel durchaus beeinflusst werden kann. «Hier könnte sogar ein Therapieansatz versteckt sein», bestätigt Blur am Telefon: «Würde man herausfinden, welche Faktoren den Grad der Verpixelung beeinflussen, könnte man die Pixeldichte vielleicht so weit erhöhen, dass für die Netzhaut unserer Augen aus Distanz betrachtet einem normales Gesicht entsteht.» Doch Blur kämpft seit Jahren für Forschungsgelder, und auch sein erwähnter Aufsatz wurde zuerst von über zehn Fachzeitschriften abgelehnt. 

Traumjob gefunden

Tobias L.* musste erst erwachsen werden, um sich ein einigermassen erträgliches Leben einrichten zu können. «Ich will nicht mehr klagen. Seit 2009 arbeite ich für die grösste Schweizer Fotoagentur und komme immer zum Einsatz, wenn die Medien so schnell ein verpixeltes Gesicht benötigen, dass selbst Photoshop zu viel Zeit kostet» Dann schlägt die Stunde von Tobias L.* - ob im Gerichtssaal, auf der Unfallstelle oder im Rotlichtmilieu. «Ich komme dadurch ganz schön in der Welt herum», sagt Tobias L.*, und die Farbänderungen der Quadrate im Mundbereich lassen erahnen, dass gerade ein glückliches Lächeln über seine Lippen huscht. Wer könnte da nicht hoffen, dass L.* noch möglichst lange Spass an seiner Arbeit haben wird. 

Und dann auch noch das ...

Tobias L.* heisst übrigens wirklich Tobias L.* Sie suchen hier am Ende des Artikels vergebens nach dem Hinweis «Name der Redaktion bekannt.» Das Zivilstandsamt hat sich tatsächlich beim Registrieren seines Namens vertippt. L.* würde eigentlich Löw heissen, bei «L.*» handelte es sich um benachbarte Buchstaben auf der Schreibmaschine. Trauriges Fazit: Wenn das Schicksal mal jemandem übel mitspielen will, dann aber richtig.   

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