Der Kannibale im Supermarkt

Daniel Glutz | veröffentlicht am 08.07.2015

Letzthin im Supermarkt traf ich den dorfbekannten Kannibalen. Er begrüsste mich mit gierigem Blick und einem freundlichen «Gut sehen Sie aus». Als wir so miteinander diskutierten, blickte er in meinen Einkaufswagen und was er sah, erfreute ihn nicht wirklich...

Der Kannibale im Supermarkt
(Nebelspalter)

... Darin fanden sich Eier, eine Flasche Milch, Joghurt, ein Kilo Hackfleisch und eine Packung Eiernudeln. Er schüttelte nur den Kopf und meinte: «Herr Glutz, wie können Sie nur diese Produkte kaufen. Das ist doch verantwortungslos. Denken Sie doch mal an die armen Tiere, die ihretwegen ausgebeutet werden. Die Nahrungsmittelindustrie reduziert diese armen Geschöpfe auf ihren ökonomischen Wert und macht sie zu willenlosen Maschinen. Das wollen Sie unterstützen? Da habe ich Sie aber falsch eingeschätzt. Tiere haben auch Gefühle.» Von diesem harten Vorwurf eingeschüchtert, antworte ich nur, «Aber, ähm, ja, das stimmt, aber was essen Sie denn?»

«Ich ernähre mich streng vegan, keine tierischen Produkte. Nur Früchte, Gemüse und Menschenfleisch.» Als ich mir seine Einkäufe nun genauer anschaute, sah ich, dass er tatsächlich nur Gemüse drin hatte. Und Herr Meier, von der hiesigen Bank. «Guten Tag Herr Meier, ich habe Sie gar nicht gesehen. Wie geht es Ihnen denn so?» «Ganz gut. Bei diesem Wetter kann man nicht klagen.»

«Was macht denn Herr Meier bei Ihnen im Wagen?», fragte ich den Kannibalen.
«Na, der wird gegessen», antwortete er.
«Aber wie können Sie Herrn Meier einfach so essen, der Mensch ist doch auch ein empfindsames Wesen, und Herr Meier hat doch niemandem etwas zuleide getan.»
«Aber Herr Meier wurde nicht im Stall gefangen gehalten und nur als Nutztier, ähm, ich meinte natürlich Nutzmensch, gehalten. Er war frei im Leben und frei im Denken. Er wurde nicht von der Nahrungsmittelindustrie instrumentalisiert.»

«Und wieso gerade Herr Meier?»
«Ich wusste zuerst gar nicht, was ich heute kochen soll und wollte mich hier im Laden anregen lassen. Und dann stand da Herr Meier. Schauen Sie sich mal diese prächtigen Schenkel an.» Er nahm das linke Bein von Herrn Meier und präsentierte es mir. «Herr Meier war ja im Turnverein sehr aktiv, das sieht und vor allem schmeckt man dann auch.»
«Und geraucht habe ich auch nie», warf Herr Meier ein, «und im Mc Donalds war ich nur zweimal in meinem ganzen Leben.»

«Und wie bereiten Sie denn Herr Meier zu?»
«Curry. Herr Meier wird lecker schmecken mit Curry. Zuerst dünste ich Zwiebeln an, dann gebe ich Herrn Meier in groben Stücken dazu, brate ihn kurz an. Schneide Karotten und Sellerie und werfe alles mit dem angebratenen Herr Meier in einen Bratentopf. Das würze ich mit Curry und lasse es im Ofen gut drei Stunden durchbraten. Dazu werde ich wohl Polenta als Beilage machen.»
«Darf ich noch anmerken», sagte Herr Meier, «dass Koriander und frischer Ingwer gut zu mir passen würden.»
«Das ist eine gute Idee, Herr Meier. Ich sehe, Sie haben auch Geschmack. Wo finde ich das denn nur schon wieder?»

Ein bisschen verwirrt und meiner Essgewohnheiten nicht mehr sicher verabschiedete ich mich von den beiden, ging an die Kasse und stellte mich hinter die Warteschlange. Meine Gedanken kreisten um mein Essverhalten. Diese klare Einstellung des Kannibalen beeindruckte mich sehr. Esse ich wirklich so falsch? Sollte ich meine Art zu essen komplett ändern? In meinen Gedanken versunken sah ich, vor mir in der Schlange, eine leckere Frau mit schön gerundetem Brustfleisch und zartem Hinterschinken stehen. Ein bisschen lief mir das Wasser im Munde zusammen, und ich war schon fast so weit, dass ich meine Waren aus dem Einkaufswagen zurücklegen wollte, um dann mit ihr ein Fräulein im Schlafrock zu machen.

Ich besann mich dann aber doch eines Besseren und zahlte meine tierentwürdigenden Produkte, um diese alleine zu Hause zu kochen. Den schalen Beigeschmack kriegte ich aber nicht weg.

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