Wer den Schaden hat...

Jürg Ritzmann | veröffentlicht am 09.06.2015

Aus Schaden wird man klug. Deswegen freuen sich die Leute, wenn ihren Mitmenschen ein Missgeschick geschieht. - Ja, sie freuen sich, dass die andere Person klüger wird, denn nicht selten finden sie, dass dies dringend nötig sei. Es muss eine Art Reflex sein, sich zu freuen, wenn sich alles zum Guten wendet. Die Natur will es so.

Wer den Schaden hat...
Marian Kamensky | (Nebelspalter)

Viele Menschen, denen etwas weniger Schönes widerfährt, wollen dieses simple Naturgesetz nicht kapieren. Sie bewegen sich in ihrer kleinen, einfachen Welt und denken, die andere Person lache über ihr Unglück. Das ist dumm. Und das Verhalten resultiert in einer Spiralwirkung: Dumme Menschen haben es bitter nötig, klüger zu werden, weswegen ihnen das Schicksal - das es ja meistens gut meint - mehr Schaden beschert.

Es ist zum Lachen. Wer dieses Prinzip verstanden und verinnerlicht hat, kann bedenkenlos in Phase zwei übergehen und das Schicksal der Mitmenschen etwas forcieren. Probieren Sie das einmal aus, liebe Leserin, lieber Leser, Sie werden begeistert sein: Picken Sie sich aus Ihrem Bekanntenkreis eine Person heraus, die nach Ihrem Ermessen etwas klüger sein dürfte, und denken Sie sich einen kleinen Streich für sie aus. Aus Nächstenliebe.

Sie werden lachen: Bereits nach ein paar Mal zeichnet sich eine Steigerung der Klugheit Ihres Gegenübers ab. Spätestens nach zehn Streichen wird das Versuchsobjekt die Interaktion mit Ihnen gänzlich abbrechen. Wenn das nicht klug ist! Sie selbst werden eine positive Entwicklung Ihrer Gesundheit feststellen, denn - wie wir alle wissen - ist lachen sehr gesund. Ja, es gibt sogar Lachseminare. Manche weinen vor Glück.

Am Ende ist also allen gedient. Es ist ähnlich wie bei amerikanischen Filmen: Zum Schluss freuen sich alle. Das Böse und Niederträchtige ist besiegt, Amerika hat (schon wieder!) die Welt gerettet und alle sind froh. - Und Sie selbst am meisten, nach dem oben beschriebenen Versuch, denn nicht umsonst sagt der Volksmund, dass Schadenfreude die schönste Freude sei. Und am Ende geht es ja darum im Leben: Um die Freude.

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