Sepp Blatter

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 04.06.2015

Ein Gigant des Fussballs (163 cm) tritt ab, ein Erneuerer der FIFA (79 Jahre) hat genug: Was zwischen Wiederwahl und Rücktritt wirklich geschah.

Sepp Blatter
Michael Streun | (Nebelspalter)

Es sind anstrengende Tage gewesen, hier zwischen Hallenstadion und Zürichberg. Verdammt anstrengende. «Mann, siehst du scheisse aus», zischt er sein Spiegelbild an und schaut sich lange in die leeren, müden Augen, in denen in diesem Moment nicht die Spur jenes fröhlichen, bubenhaften Funkelns auszumachen ist, das er vor wenigen Stunden noch allen an der Wahlfeier gezeigt hat.

Blatter nimmt mit einem routinierten Handgriff die Zahnprothese aus dem Mund und beginnt, sich sorgsam das vitale Wangenrot und die sympathischen Lachfältchen abzuschminken, welche seine Visagistin jeweils frühmorgens gekonnt aufzulegen pflegt. Obwohl er doch eigentlich gewonnen hat, ist er verärgert, und dass er sich über den Sieg nicht richtig freuen mag, steigert den Ärger bis hin zur Wut. Diese ungerechte, selbstgefällige Masse! Diese verkackte öffentliche Meinung!

Blatter schlurft zur Toilette, öffnet Gürtelschnalle, Knopf und Reissverschluss, so dass seine marineblaue Bundfaltenhose augenblicklich in sich zusammensackt, und hockt sich mit einem tieftraurigen Seufzer auf die Kloschüssel, die ihm seine engsten Vertrauten für die vorletzte Amtszeit geschenkt hatten. Ähnlich wie bei manchen Pissoirs mit aufgedruckter Fliege hatten seine Freunde das Konterfei von Michel Platini am Schüsselboden aufmalen lassen. Sein Pressesprecher Walter de Gregorio hatte für die Übergabe extra eine schöne Parodie auf den blasierten Franzosen einstudiert und diese im kleinen, tränenlachenden Kreis vorgetragen. Wie oft hatte ihm seither auf dieser Schüssel der handfeste Austausch mit dem unter ihm aufblickenden UEFA-Intimfeind schon stille Freude bereitet. Aber heute bleibt Platini unbeachtet.

Eigentlich müsste man dem lausigen Pöbel einfach das geben, was er verdient. Eigentlich hätte er tatsächlich zurücktreten und den ganzen Laden sich selbst überlassen sollen. Die öffentliche Meinung kennt keine Unschuldsvermutung. Es zählt ja nicht, dass man ihm in all den Jahren nichts juristisch Relevantes vorwerfen konnte. Es fragt sich keiner, warum nun sieben Funktionäre in Auslieferungshaft sitzen, derweil er sich weiterhin frei bewegen kann. Das Volk ist noch immer genauso blutrünstig und kurzsichtig wie im alten Rom. Es fordert lautstark den Kopf und begreift nicht, dass die Scheisse anderswo produziert wird und der ganze Restorganismus ohne den Kopf vielleicht noch ein paar Mal zappelt und zuckt, dann aber bald der Fäulnis und Verwesung anheimfällt.

Noch immer auf der Klobrille sitzend, beginnt Blatter die weit geschnittenen Taschen seines Vestons zu durchforsten. Auch heute wieder zieht er mehrere Umschläge heraus, die er achtlos in den Abfalleimer neben ihm wirft. Die üblichen Aufmerksamkeiten und Vergünstigungen, die ihm Delegierte heimlich zustecken, um seine Gunst auf dieses oder jenes Projekt zu lenken. Blatter vergräbt sein Gesicht tief in den aufgestützten Händen und atmet einmal ganz schwer durch.

Wie viele sogenannte Tyrannen hatte denn die ach so aufgeklärte freie Welt in den vergangenen Jahren aus dem Amt vertrieben, nur um Monate später eingestehen zu müssen, dass das darauffolgende Chaos weit desaströser als der vorherige Zustand war? Saddam? Muammar? Mubarak? Eigentlich hätte der ganze Moral-Pöbel und das Journalistengesindel nichts anderes verdient, als dass er trotz erfolgreicher Wahl auf sein Amt verzichten würde und dabei zusehen könnte, wie man sich schon nach kurzer Zeit nach ihm zurücksehnen würde.

Inzwischen ist Blatter bei der linken Innentasche seines Vestons angekommen und zieht ein Bündel mit mehreren gefalteten Seiten eines Word-Dokumentes heraus. Beim Gedanken an einen total überraschenden Amtsverzicht umspielt erstmals, seit er das Bad betreten hat, ein feines Lächeln seinen zahnlosen Mund.

Fast schon ein wenig vergnügt faltet er die Papierseiten auf. Eine lange Liste mit Argumenten für seine Wiederwahl, vor wenigen Stunden vorgetragen, auf der Fahrt nach Hause bereits mit seinem goldenen Füllfederhalter im Hinblick auf die Wiederwahl 2019 überarbeitet. Unvermittelt zerknüllt Blatter das Word-Dokument mit einer energischen Bewegung und wirft es ebenfalls in den Eimer. Er zieht sein Handy aus der Tasche, drückt auf die Schnellwahltaste und kräht ins Telefon: «Gregorio! Pressekonferenz ansetzen, 18.30 Uhr!»

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Die Printversion dieses Artikels weicht von der hier veröffentlichten geringfügig ab, da die Drucklegung noch vor Sepp Blatters Rücktritts-Ankündigung lag. 

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