Weltwunder-Trends aus der Schweiz

Roland Schäfli | veröffentlicht am 10.04.2015

Alle paar Jahre müssen die Weltwunder neu gefunden werden, weil die bisherigen aus der Mode geraten. Weshalb der «Nebi», der seiner Zeit immer einen Schritt voraus ist, schon heute die neuen Weltwunder vorstellt.

Weltwunder-Trends aus der Schweiz
Tomz (Tom Künzli) | (Nebelspalter)

1. Das Kolosseum in Rom

Hier mussten Gladiatoren bis zum Umfallen kämpfen. Das Daumen-runter-Zeichen des Kaisers entschied über Leben und Tod. Bauzeit: acht Jahre. Es bot 50 000 Zuschauern Platz für Brot und Spiele. Es hatte während 400 Jahren seinen festen Platz im römischen Unterhaltungsprogramm. Es brauchte schon zwei Erdbeben, um das Bauwerk zu zerstören.

Heutige Entsprechung: Casting-Superstar-Shows im Schweizer Fernsehen
Hier müssen Kandidaten bis zum Rausschmiss kämpfen. Das I-Like-Zeichen des Online-Publikums entscheidet über Weiterkommen oder nicht. Bauzeit: null. Das Konzept kann ganz einfach aus dem Ausland abgekupfert werden. Regelmässig schauen sich 50?000 Zuschauer das Gemetzel an, die ihr Abendbrot vor dem Fernseher einnehmen. Es wird noch viele Jahre seinen festen Platz im SRF-Unterhaltungsprogramm haben. Es braucht schon eine neue Erfolgssendung aus dem Ausland, um diesen Sendeplatz zu zerstören.




2. Die Chinesische Mauer

Das grösste Bauwerk aller Zeiten. Die Chinesische Mauer ist 6700 Kilometer lang und ist sogar vom All aus zu sehen. Erste Teile wurden im 6. Jahrhundert vor Christus gebaut und bis ins 17. Jahrhundert ständig erweitert und umgebaut.

Neu: Die IT-Projekte des Bundes
Die grösste IT-Pleite aller Zeiten. Allein die Kabel der sinnlos installierten Computer sind 6700 Kilometer lang und sogar vom Cyberspace aus zu sehen. Erste Teile wurden noch in der vorletzten Legislaturperiode installiert und werden noch bis ins nächste Jahrhundert erweitert und umgebaut.




3. Der Koloss von Rhodos

Historiker sind sich uneins, ob es den Koloss von Rhodos überhaupt je gegeben hat. Überhaupt interessiert sich niemand mehr für die Wahrheit der Legende. Die riesige Statue des Sonnengottes Helios wurde der Legende nach in 12-jähriger Bauzeit vollendet. Die Rhodier glaubten, der Sonnengott habe sich auf wundersame Art vor den Mächten des Demetrios Poliorketes gerettet. Nach dem Einsturz blieben die Trümmer jahrhundertelang liegen.

Neu: Piccards Solar-Impulse-Projekt
Energiesachverständige sind sich uneins, ob dieses Projekt je irgendeinen Sinn machen wird. Überhaupt interessiert sich in der Schweiz kaum jemand dafür. Das riesige Flugzeug, mit dem Piccard als Sonnengott sich ein Denkmal setzen will, wurde zirka zwölf Jahre getestet. Die Schweizer glauben, die Sonnenenergie könne sie auf wundersame Art vor der Atomlobby retten. Ein Scheitern des Projekts würde die Sonnenenergie für Jahrhunderte abschalten.




4. Die Pyramiden

Die Pyramiden, 2500 v. Chr. entstanden, sind das einzige noch erhaltene Bauwerk der sieben Weltwunder, obwohl bei einer Figur schon die Nase abgefallen ist. Im alten Ägypten dienten die Pyramiden als Grabstätten für die Pharaonen. Vielfach wird behauptet, dass astronomische Erkenntnisse in die Architektur eingebaut wurden. Die Pyramiden zählen zum Weltkulturerbe.

Neu: Die Schweizer HSBC-Tochter
Die HSBC, 1865 gegründet, ist eine der letzten noch erhaltenen Grossbanken, obwohl sich die Schweizer Tochter eine blutige Nase geholt hat. Ein Wunder, dass die Bank so lange gehalten hat. In der modernen Schweiz gilt die HSBC als Grabstätte des Bankgeheimnisses. Viele Kunden behaupten, ihre Berater hätten sich bei ihren Prognosen nach der Astronomie gerichtet. Die HSBC zählt viele Erben zu ihren Kunden.




5. Das Grabmal von Tutanchamun

1922 wurde das Grabmal des altägyptischen Königs im Tal der Könige entdeckt. Es enthielt perfekt konservierte Mumien, die rund 2000 Jahre alt sind. Die alten Ägypter hatten die Methode perfektioniert, den Leichen das Gehirn durch die Nase zu entfernen. Die Toten waren für die Nachwelt mit kostbarem Schmuck ausgestattet.

Neu: Der Nationalrat
Kürzlich wurde im Bundeshaus ein Saal entdeckt, in dem der Altersdurchschnitt höher als in jedem anderen Raum der Schweiz ist. Er enthält perfekt konservierte Mumien, denen die Wahrheit oft aus der Nase gezogen werden muss. Die Scheintoten haben für ihr Leben nach dem Nationalrat kostbare Verwaltungsratsmandate gesammelt.




6. Der Tempel der Artemis in Ephesos

Der Tempel war der olympischen Göttin der Jagd und des Waldes gewidmet und wahrscheinlich durch Sklavenarbeit errichtet. Als grösster Tempelbau zählte er zu den sieben Weltwundern der Antike. Die Stadt Ephesos war für ihren Reichtum bekannt.

Neu: Schützenhäuschen
Die Schützenhäuschen der Schützenvereine stehen immer irgendwo im Wald und sind vordergründig der Göttin der Jagd gewidmet, obwohl vor allem dem Gott Bacchus gehuldigt wird. Sie sind stets durch Fronarbeit errichtet worden, wären aber durch das Wunder finanzieller Zuschüsse nicht denkbar. Obwohl viele der Schützen lokal für ihren Reichtum bekannt sind.




7. Die Christus-Statue in Rio

Die Jesusstatue mit den ausgebreiteten Armen wurde 1931 eingeweiht, zehn Jahre später, als geplant. Sie ist das Wahrzeichen der zweitgrössten Stadt Brasiliens Rio de Janeiro. Sie soll den Ärmsten Trost spenden. Im Sockel ist eine Kapelle untergebracht. Das Gesamtgewicht des Monuments beträgt 1145 Tonnen.

Neu: Das Köppel-Götzenbild in der SVP
Die SVP-Kandidatur von Roger Köppel kam zehn Jahre später als von ihm geplant, nun aber hat die neue Galionsfigur der SVP die Arme ausgebreitet, um den geistig Armen Trost zu spenden. Im Sockel ist die Kathedrale des Journalismus eingebaut, die 
«Weltwoche». Das Gesamtgewicht ist für die SVP politisch eigentlich untragbar.




8. Die Felsenstadt Petra

In Jordanien zählt eine Felsenstadt zu den ältesten Siedlungen der Menschheit. Sie lag an der Kreuzung wichtiger Handelswege. Die verlassene Stadt Petra gehört zu den meistfotografierten Weltwundern.

Neu: Das Reduit
In der Zentralschweiz zählt eine Festung, die in den Berg gehauen wurde, zu den ältesten Geheimnissen der Eidgenossenschaft. Sie lag an der Kreuzung wichtiger Einfallsachsen. Das Reduit gehört zu den am wenigsten fotografierten Armeewundern. Weil heute noch Schilder darauf hinweisen, dass das Fotografieren verboten ist. 

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