Remo Stoffel

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 02.04.2015

Der Mann musste ja einiges einstecken in den vergangenen Tagen. Seit Remo Stoffel das Projekt eines grössenwahnsinnigen Hotelturms in Vals vorgestellt hat, ist er ein ebenso bekannter wie umstrittener Mann...

Remo Stoffel
Michael Streun | (Nebelspalter)

Landauf, landab erschienen lange und mehrheitlich kritische Porträts über den «wahnwitzigen Finanzhai», der als «windiger Investor» mit «mangelnder Transparenz» sowie «zwielichtiger Vergangenheit» und «mehreren hängigen Verfahren» charakterisiert wird. 

Doch der Mann, der mich im obersten Stock seiner Parterrewohnung empfängt, sieht überhaupt nicht aus, als hätte er irgendwelchen Groll auf die voreingenommene Journaille entwickelt. Gut gelaunt und mit federndem Schritt kommt er mir entgegen und streckt mir ein 33-cl-Fläschchen Valser Mineralwasser hin: «Stilles Wasser, stimmts?»

Die Interview-Zusage des 38-Jährigen hatte mich ja zu Beginn überrascht. Doch wie sollte der Selfmade-Millionär nach allem, was in den vergangenen Tagen über ihn zu lesen war, dem Besuch eines Satiremagazins überhaupt noch mit Sorge entgegensehen?

Ich nehme das dargereichte Mineralwasser in Empfang und eröffne mit der Frage, was er von meiner geplanten Überschrift hält: «Der Stoffel, aus dem die Schäume sind». Er klopft mir gönnerhaft auf die Schultern und sagt: «Den Spruch höre ich seit der Pressekonferenz erst zum zwölften Mal. Schon möglich, dass einige Ihrer Leser den noch nicht kennen, bis Ihre Postille gedruckt ist.»

Mit der Bemerkung, dass er nicht damit gerechnet hätte, dass auch wir vom «Nebelspalter» mit einer vorgefassten These an eine Story herangingen, hat er mich dann endgültig im Sack. Ich behalte meine vorbereiteten, investigativen Fragen zu seinem Werdegang und seiner finanziellen Situation in der Mappe. Und ich spare mir die anzügliche Bemerkung, was denn ein Mann kompensieren muss, der ein 380 Meter hohes Ding in die Landschaft ragen lassen möchte. Und ob er dazu nicht wie jeder andere teure Yachten und fette Sportwagen kaufen könne.

Drei Stunden später verlasse ich Remos Anwesen - ja, wir sind inzwischen gute Duz-freunde - mit anderen Augen. Liebe Leserinnen und Leser: Dieser Mann und sein Projekt haben eine faire Chance verdient. Dabei hat mich weniger das überzeugt, was er mir persönlich erzählt hat, sondern das, was er in jenen drei Stunden am Handy mit anderen besprochen hat. Und ja: Es waren ziemlich viele andere, die in dieser Zeit angerufen haben.

Denn kaum haben wir uns in der ledernen Lounge-Gruppe seines Büros hingesetzt, versicherte er einer Anruferin, dass man über das Nutzungskonzept seiner «Femme de Vals» jederzeit noch reden könne: «Ob jetzt pro Stockwerk 1 Saudi für 3000 Franken übernachtet oder 3000 Syrer für je 1 Franken, liebe Simonetta, ist mir am Ende egal.»

Wenig später bestätigt er einem Anrufer, den er mit «Waidmanns Heil, Hubert» begrüsst, dass durchaus darüber gesprochen werden könne, einzelne Stockwerke des Hochhauses mit Schiessscharten auszustatten, um die Wolfpopulation der Umgebung angemessen «mitgestalten» zu können.

Einem nächsten Anrufer namens Ueli rechnet Remo Stoffel über den Daumen gepeilt vor, wie viele Kühe das Gebäude im Ernstfall aufnehmen könne, um diese Rindviecher vor der Zielidentifikation des armeeeigenen Radarsystems verbergen zu können.

Einem weiteren «Waidmann» versichert er kurz darauf, dass er zuerst einmal das Projekt in Vals realisieren möchte, dann aber durchaus interessiert sei, auch «den Oberwallisern einen solchen Wolf-Abschuss-Hochsitz hinzustellen.»

Während Stoffel auf seinem Handy ein gutes Dutzend Anrufe entgegennimmt, ist übrigens auch sein Festnetzanschluss durchgehend belegt: «Der gute Johann teilt mir gerade etwas umständlich mit, wie wichtig meine Initiative für die Schweizer Wirtschaft in Zeiten des starken Frankens sei», zwinkert mir Remo Stoffel vergnügt zu: «Es genügt, wenn ich alle zehn Minuten «Ganz deiner Meinung!» in den Hörer säusle.»

«Jetzt sitzt du im selben Boot wie ich», sagt mir Remo Stoffel zum Abschied: «Du weisst, dass das Projekt gar nicht scheitern kann, selbst wenn es als Hotel floppt. Aber keiner wird dir das glauben.»

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