Warum Sie Nestor Well kennen sollten

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 26.02.2015

Je mehr die Welt aus den Fugen gerät, desto stärker wird offensichtlich unser Wunsch nach Harmonie und eigenem Heil. Die Wellness-Branche boomt, selbst Jugendherbergen bieten heute statt bescheidene Spanplattenverschläge edle Spa-Bereiche mit Wohlfühlgarantie.

Warum Sie Nestor Well kennen sollten
Swen (Silvan Wegmann) |

Kaum jemand scheint wirklich zu wissen, dass die Verwendung des Begriffs «Wellness» entgegen vielen Wörterbüchern gar nicht aus dem Englischen stammt, sondern auf den Sozialpsychologen Nestor Well (1856 - 1939) zurückgeht. Über Jahrzehnte war dieser ein leidenschaftlicher Gegenspieler von Sigmund Freud und besessen von der Idee, Freuds Theorien zu widerlegen und den modernen Menschen als durchwegs vernunftbegabtes Wesen darzustellen. Vielleicht ist Nestor Well darum heute weitgehend in Vergessenheit geraten, weil so gut wie alle seine Experimente fehlschlugen. Lange bevor Werbepsychologen sich der Sache annahmen, musste Well nämlich entgegen seinen Überzeugungen feststellen, wie manipulierbar der Mensch ist.
 
So zeigte sich, dass Probanden sich freiwillig in 90 Grad heisse Räume einsperren, mit grobkörnigem Schlamm einreiben oder von einem Sadisten durchkneten liessen, wenn man sie nur trotz der real empfundenen Pein glauben machte, es handle sich dabei um eine gesunde Therapie. Dies, obwohl Well und sein Doktorassistent Mark Eting diese «Therapien» in einer durchzechten Nacht spontan erfunden hatten. Mehr noch: Je mehr Geld man den Versuchsteilnehmern für diese «Dienstleistung» abknöpfte, desto stärker waren diese von deren Qualität und Wirkung überzeugt. 

Während sich Nestor Well desillusioniert zurückzog, wurde Mark Eting zu einem der einflussreichsten Psychologen überhaupt. Seinem Mentor zu Ehren nennt man bis heute jene teuren Pseudo-Therapien «Wellness».

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