«Lebende Kleider bieten einfach viel mehr»

Claudio Zemp | veröffentlicht am 14.11.2014

Sabine Schnyder (35) eckt an. Selbstbewusst beschreitet die gelernte Orthopädin neue Wege in der Modewelt.

«Lebende Kleider bieten einfach viel mehr»
Irene Balmer | (Nebelspalter)

Sabine Schnyder ist nicht einfach zu fassen. Es gibt wenige Frauen, die ihren männlichen Besuch so keck in die Mangel nehmen wie sie. «Schiessen Sie los!», lacht sie entwaffnend. Und schon denkt der kritische Gast, dass sie vielleicht doch nicht so übel ist, wie ein Grossteil der nationalen Boulevardpresse sie findet. «La Schnyder», wie man sie hier und dort betitelt, hat den Ruf, keine Freunde zu haben. Im Laufe des Gesprächs wird sie allerdings das Gegenteil beweisen.

Sabine ist politisch unkorrekt, zweifelsohne. Sehr gerne trägt sie ihr Haustier, einen ausgewachsenen Schneefuchs, als Schal um den Hals. «Ein Halstier ist nicht strafbar», lacht sie schallend. Aber sie vergisst nicht zu erwähnen, dass sie den Schneefuchs nachts in einem viel zu engen und dunklen Hamsterkäfig einsperrt, damit sein Fell geschmeidig bleibt und sein Gemüt gefügig. «Schönheit muss leider leiden», fügt die Designerin an. Ist da ein Hauch von Traurigkeit über ihr Gesicht gehuscht?

Freie Wildbahn
Sabine hat früh gelernt, sich durchzusetzen. In der elterlichen Kürschnerei, die ein traditionelles Geschäft an der St.?Galler Markt­gasse betrieb, packte sie von Kindesbeinen an mit an. Sie scheute sich auch nicht, mit dem ihr eigenen Biss unorthodoxe Praktiken anzuwenden, wenn ihre Eltern nicht zugegen waren. So zog sie manchem armen Hasen mit blossen Beissern das Fell über die Ohren. Seit sie diese Anekdote aus der Jugend offensiv streut, haben sich die letzten Schulfreunde angewidert abgewendet.

Stört es Sie, dass Sie von Tierschützern bedroht werden? Nein, meint die Designerin lakonisch, das Jagen von Feinden sei jedermanns gutes Recht: «Wenn mir einer dieser Hundeliebhaber über den Weg läuft, nimmt er seine vier Pfoten auch besser nach vorne.» Die Theorie des Überlebens in der freien Wildbahn hat sie intus. Sie wende diese Devise übrigens auch in Geldfragen an, sagt die knallharte Philanthropin: «Wer austeilen kann, muss auch einstecken können.»

Lebhafte Garderobe
Wenn man sie für solche Sätze beinahe gern haben könnte, folgt der nächste Schocker. Man ahnte ja, dass Schnyders Haarpracht keine tote Materie sein kann. Seit der Lehrabschlussprüfung (eidg. dipl. Orthopädin, 1997) trage sie das gleiche Toupet, säuselt Sabine kokett. Für Begriffsstutzige deutscht sie das gern aus. In 17 Jahren habe sich manches Tierchen darin eingenistet, sagt sie selbstsicher: «Lebende Kleider bieten einfach viel mehr.» Es stimmt also nicht, dass Schnyder grundsätzlich allem Getier an den Kragen will. Einige duldet sie gern am eigenen Kragen: «Ja, es kräuselt so nett.» Womit auch das Geheimnis gelüftet ist, was Sabine unter ihrem Schneefuchs trägt.

Mailand, Paris, Bümpliz. Wo die quirlige Modetante ist, ist die Welt in Bewegung. Und immer hat sie genügend Raum. Denn wenn Sabine Schnyder im Flughafen auf den nächsten Flug wartet, bleiben die Plätze um sie herum grossräumig frei. Einsam sei sie aber nicht, sagt sie plötzlich sehr ernst: «Das Leben im Jetset erfüllt mich sehr.» Wie sie das denn meine, möchte man nachhaken. Doch sie hetzt schon zum nächsten Termin: zu einer Fashion Show in London. Der Besucher bleibt ratlos noch eine Weile sitzen und kratzt sich am Kopf. Und am Hals. Ohne Zweifel: Die hat was, die Schnyder!

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Faktenblatt der Ignoranz

Name: Sabine Schnyder, ignoriert Tierschutzrichtlinien und Hygieneregeln
Zitat: «Es kräuselt so nett.»
Verbreitung: Catwalks, Whirlpools und Pelzmüli, 8155 Niederhasli
natürliche Feinde: «Vier Pfoten»
I-Faktor: 67
AA-Quotient: 15,1?%
Lebenserwartung in der Zivilisation: 17 Hundejahre
Lieblingsbuch: Plage-Geister von Friedrich Sommer

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