Die Tischbombenentschärfung

Andreas Thiel | veröffentlicht am 07.11.2014

Ein Komiker legt Lunten, die zu Tischbomben führen. Doch wer diese entschärft, der stiftet erst die Brände!

Die Tischbombenentschärfung
(Nebelspalter)

Wer wegen einer brennenden Lunte Alarm schlägt, macht sich bei der Feuerwehr nicht gerade beliebt, wenn diese dann bloss eine Tischbombe findet. Selbst wenn dann behauptet wird, sie sei kaum von einer richtigen zu unterscheiden. Der Auslöser des Fehlalarms wird für den überflüssigen Einsatz aufkommen müssen. Demnach müsste jeder, der einen Komiker verklagt, bloss weil er dessen Spässe nicht lustig findet, für die anfallenden Gerichtskosten aufkommen. Einem Ko­miker Volksverhetzung vorzuwerfen, hies­se, die Tischbombenfabrik der Unterstützung von Terrorismus zu verdächtigen.

Attentat bleibt Attentat
Bei der Explosion einer Tischbombe fliegen Papierschlangen und Pappnasen durch die Luft. Bei einem terroristischen Anschlag sind es Leichenteile. Der Unterschied sollte jedem klar sein. Und es ist völlig gleichgültig, ob die Pappnasen aus der Tischbombe zu gross sind und deshalb von einigen Partygästen als antisemitisch eingestuft werden, oder ob beim Selbstmordanschlag, durch eine glückliche Fügung, ausser dem Attentäter niemand zu Schaden kommt.

Tischbombe bleibt Tischbombe, Attentat bleibt Attentat. Während der Terrorist nach dem Leben anderer trachtet, will der Komiker andere zum Lachen bringen. Und so wie der Terrorist nie alle Menschen umbringen kann, bringt der Komiker auch nie alle zum Lachen. Trotzdem besteht ein Unterschied zwischen den Opfern eines Attentäters und den Opfern des Komikers. Einer, der dem Attentat nicht zum Opfer fällt, hat Glück. Aber derjenige, der über die Pointen nicht lachen kann, hat Pech gehabt.

Die Opfer des Terroristen müssen sterben, die Opfer des Komikers müssen lachen. Das heisst, wer über die Witze nicht lachen kann, kann sich auch nicht als dessen Opfer betrachten, da der Witz bei ihm offensichtlich gar nicht eingeschlagen hat. Und darüber, dass man in seinem Leben nichts zu lachen hat, wird man sich ja zuallerletzt bei einem Komiker beschweren können, der andere zum Lachen bringt.

Oder eben doch. Es gibt Menschen, die das Lachen anderer als einen Anschlag auf ihre Humorlosigkeit empfinden. Sie fühlen sich durch das Gelächter in ihrer Ernsthaftigkeit verletzt. Wo Ärzte keine physischen Verletzungen feststellen können, werden gerne die Psychologen beigezogen. Und wenn sie unsichtbare Verletzungen diagnostizieren, dann muss eine «unsichtbare» Tatwaffe gefunden werden. Was kommt als Tatwaffe infrage? Des Komikers Tischbombe. Also wird die Tischbombenfabrik von den Psychologen als Waffenlieferant entlarvt, und der Komiker als Gewalttäter identifiziert. Die Tischbombe wird entschärft und der Täter mundtot gemacht.

Mit List und Listen
In der Realität heisst das, es werden Listen verfasst von Themen, über die sich kein Komiker mehr lustig machen darf. Solche Listen existieren in totalitären Staaten. Aber auch in der freien Welt versuchen opportunistische Kreise immer wieder unter dem Deckmantel der Political correctness solche Listen zu etablieren. In Umkehrung aller Vorzeichen argumentieren sie mit Begriffen wie Solidarität, Religionsfreiheit und Toleranz.

Aber worauf es hinausläuft, wenn der politische Opportunismus die Korrektheit von Aussagen festlegt, zeigt jedes Zensurgesetz. Im Dritten Reich war es politisch korrekt, «Juden raus!» zu schreien, wer jedoch «Nazis raus!» schrie, musste mit der Todesstrafe rechnen. In Kuba, Nordkorea oder Venezuela ist es korrekt, die USA als nationalsozialistische Diktatur zu bezeichnen, die Redefreiheit im eigenen Land zu fordern, ist lebensgefährlich. Richter urteilen aufgrund von Gesetzen. Und diese werden von Politikern gemacht.

Wenn Politiker bestimmen, was richtig und was falsch ist, dann wird die Wahrheit von einer Berufsgruppe festgelegt, welche statistisch gesehen öfter lügt als alle ande­ren Berufsgruppen zusammen. Mit anderen Worten: Die Lüge wird zur Wahrheit erhoben und das Aussprechen der Wahrheit unter Strafe gestellt. Wer Tischbomben entschärft, stiftet Brände.

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