Wenn die Tochter nur «Tii Emm Ääi!» ruft

Bänz Friedli | veröffentlicht am 06.11.2014

Welch ein Glück, dass unser Sohn die grünen Zettel, die er von der Schule nach Hause bringen sollte, meist noch im Schulzimmer zu Papierfliegern faltet und luftig entsorgt, sie unterwegs verhühnert oder, falls er sie denn doch in seinen Thek steckt, darin zerknittern lässt, bis nicht nur die Anmeldefrist, sondern auch der fragliche Termin längst verstrichen ist.

Wenn die Tochter nur «Tii Emm Ääi!» ruft
(Nebelspalter)

Gegen Veranstaltungen, die uns Eltern weismachen wollen, wie schlimm es um die heutige Jugend stehe, bin ich nämlich allergisch. Findet dann doch wieder mal ein Zettel den Weg bis auf unseren Küchentisch und ich lese in der Einladung zum «Elternbildungsabend» nur schon das Wort «Elternteil», bekomme ich Püggeli und melde mich zwecks Vermeidung weiterer Püggeli ab, weil ich, Herrgott noch mal, kein «Elternteil», sondern Vater bin. Und meine Frau ist Mutter, nicht Elternteil. «Es würde begrüsst, wenn an diesem themenspezifischen Info-Workshop zum deeskalierenden Gewaltmanagement mindestens ein Elternteil teilnähme», steht in der Ausschreibung. Sie landet im Altpapier.

Der Bub ist jetzt in der achten Klasse, und unlängst hätte ich zum vierzehnten Mal einen Infoabend besuchen sollen, der vor den Gefahren des Internets für unsere Jugend gewarnt hätte. Zum vierzehnten Mal also war der entsprechende Zettel bis zu mir gelangt. Weil aber davon auszugehen ist, dass unser Hans mindestens zwei Drittel besagter Zettel nicht abliefert, wäre es, hochgerechnet, bereits die zweiundvierzigste Veranstaltung gewesen, die uns bestürzten Elternteilen die Augen für Gewalt und Porno und Betrug und Teufelsmusik und all die anderen Fallen hätte öffnen wollen, die unseren Kindern im World Wide Web lauern. Ich blieb zum zweiundvierzigsten Mal fern.

Weil es mir nämlich auf den ... Pardon, das ist jetzt nicht besonders geschlechtsneutral, aber es geht mir auf den Sack, wie allerorten behauptet wird, unsere Jugendlichen seien vom Umgang mit den digitalen Medien überfordert, sie seien gamesüchtig und narzisstisch, verlören sich in Scheinfreundschaften und der ständigen Suche nach Bestätigung, wären oberflächlich, unkonzentriert und zunehmend am Verblöden. «Digitale Demenz» hat in Deutschland ein Prof. Prof. Dr. Dr. Dr. festgestellt und dann hurtig ein Buch geschrieben, in dem er verschweigt, wie spielerisch die Jungen mit Handys, Laptops und Kameras umgehen, wie sprachschöpferisch, wie originell sie sind. Nein, nicht den Jungen wachsen die digitalen Möglichkeiten über den Kopf, sondern uns Älteren, die wir nicht damit aufgewachsen sind.

Und was die bösen Chats betrifft: Unsere Tochter war neun, als wir sie mal vorsichtig darauf ansprachen. «Weiss ich dänk schon lang», unterbrach sie keck, «dass sich in diesen Chats so Typen rumtreiben, die sich als Selina_13 ausgeben, dabei sinds alte Glüschteler!» Noch Fragen? Nein. Die Jugendlichen haben WhatsApp und Instagram unter Kontrolle - im Gegensatz zu dem 53-jährigen Nationalrat und Noch-Stadtammann, der aus seinem Amtssessel heraus Lüsternes chattete wie: «Ich sitze noch, aber der P. steht schon!» So genau, befand Tochter Anna Luna bei der Lektüre, hätten wir es nicht wissen wollen. «Tii Emm Ääi!», rief sie aus, was für «too much information» steht, und warf das Abendblättchen zum Altpapier. Es kam just auf den grünen Einladungszettel zum Elternbildungsabend zu liegen.

Mir gefiel übrigens, wie der kantonale Präsident der Grünen zu den Chats seines Parteigenossen à la «... aber der P. steht schon!» Stellung nahm. Er sagte: «Er muss dafür geradestehen.»

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