Uhren werden nur 36 Minuten zurückgestellt

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 24.10.2014

Riesenblamage in Greenwich (GB): Zwei Tage vor der Rückkehr zur regulären Winterzeit muss das einflussreiche Zeit-Institut bekannt geben, dass die Schaltstunde, die am 30. März dieses Jahres für die Sommerzeit ausgekoppelt wurde, wegen unsachgemässer Lagerung auf 36 Minuten geschrumpft ist.

Uhren werden nur 36 Minuten zurückgestellt
Hier geschah die Panne: Atomuhr Greenwich (Nebelspalter)

Der Vorgang klingt für Laien wie ein schlechter Witz: Am kommenden Sonntag hätten in den Ländern mit Sommerzeit wieder sämtliche Uhren eine Stunde zurückgestellt werden sollen. Doch nun bittet das weltbekannte Institut «dafür um Verständnis, dass die Uhren in den betroffenen Ländern nur 36 Minuten zurückgestellt werden können». Man habe, so die Institutsleitung in einem heute veröffentlichten Kommunikee, leider erst diese Woche festgestellt, dass die im Frühling ausgekoppelte Schaltstunde unsachgemäss gelagert worden sei.

Was wie ein Witz klingt, ist tatsächlich möglich

Doch ist das überhaupt möglich? «Leider ja», wie der ETH-Professor und promovierte Physiker Klaus Surbeck auf Anfrage erklärt: «Die koordinierte Weltzeit UTC wird seit 1959 mit einer Atomuhr gemessen. Diese Atomuhr basiert auf radioaktivem Cäsium. Koppelt man im komplexen Schaltkreis die Referenzmenge für eine Stunde Sommerzeit aus, so unterliegt diese Menge bei falscher Lagerung über 2 Kelvin (-271,15 Grad Celsius) dem radioaktiven Zerfall.» Und genau das ist nun offensichtlich passiert: «Die Schaltstunde ist in den vergangenen Monaten bedenklich geschrumpft, es werden bis Sonntag 3 Uhr, wenn die Stunde wieder ins System eingespeist wird, nur noch 36 Minuten, 52 Sekunden und 428 Tausendstel übrig sein.»

Aber wieso geht uns diese Panne überhaupt etwas an? «Weil Greenwich die internationale Referenzzeit UTC abbildet. Sie können natürlich schon Ihre Armbanduhr oder Wanduhr wie gewohnt eine volle Stunde zurückstellen.» Aber: Die elementaren weltweiten Zeitsysteme sind heute miteinander verknüpft und werden diesen 36-Minuten-Schritt mitmachen müssen. «Das ist wie bei einer Funkuhr, die Sie von Hand verstellen. Nach dem nächsten Zeitsignal läuft sie wieder nach der Atomuhr.»

Hoffen auf Schaltsekunden

Eine kleine Hoffnung bleibt aber noch. Dazu nochmals Klaus Surbeck: «Noch ist es zwar nicht möglich, ganze Schaltstunden künstlich herzustellen, wenn man sie nicht zuvor dem Zeitfluss der Atomuhr entnommen hat. Im Sekunden-Bereich klappt das jedoch sehr wohl.» Seit 1972 wurden schon mehrmals Schaltsekunden implementiert, letztmals war dies übrigens 2012 der Fall, meist bemerkt die Öffentlichkeit davon gar nichts. «Sollten weltweit in allen Instituten, die über Atomuhren verfügen, genügend Schaltsekunden bereit liegen, wäre es theoretisch möglich, diese am Sonntag zu den verbliebenen 36 Minuten und 52 Sekunden hinzu zu koppeln.» Benötigt würden schwindelerregende 1448 Stück. Im Moment weiss aber noch niemand, ob der weltweite Vorrat reicht und sämtliche Schaltsekunden noch rechtzeitig im englischen Greenwich angeliefert werden könnten. «Es läuft buchstäblich ein Rennen gegen die Zeit.»

Weitere Artikel

loader