«Wir stehen kurz vor dem Durchbruch»

Roland Schäfli | veröffentlicht am 01.10.2014

Es ist ein Teufelskreis: Immer mehr Sozialarbeiter benötigen immer mehr Sozialfälle benötigen immer mehr Sozialarbeiter. Der «Nebelspalter», Fachblatt für Soziophobe, versucht den Sozialfall aufzuklären.

«Wir stehen kurz vor dem Durchbruch»
(Nebelspalter)

Der neu erblühende Schweizer Industriezweig, das Sozialwesen, erfreut sich eines Wachstums über dem Marktdurchschnitt. Spezielle Arbeitsbeschaffungsprogramme des Sozialstaats sorgen dafür, dass Sozialschaffenden die Arbeit nicht ausgeht. Erklärtes Ziel der Sozialindustrie ist die Vollbeschäftigung. Indem für jeden nur erdenklichen Fall die entsprechende Stelle im Sozialwesen geschaffen wird, kann das Sozialwesen langfristig wachsen. Jüngst eingeweiht wurde das Hilfsbüro für Familien, deren Angehörige von einem Meteoriten getroffen wurden.

Tatkräftig unterstützt wird das Anliegen des Sozialwesens von den Sozialhilfebezügern. Erwähnenswert ist etwa der Fall einer siebenköpfigen Raupe, Entschuldigung, siebenköpfigen Flüchtlingsfamilie im zürcherischen Hagenbuch: Sie schafft Arbeit für ein gutes Dutzend Sozialarbeiter, das sie beim Kochen, Putzen und anderen Tätigkeiten im Haushalt unterstützt, die ohne fremde Hilfe nicht möglich wären. Dass die betreffende Gemeinde daraufhin den Steuerfuss anheben muss, ist nur ein beruhigendes Zeichen dafür, dass die Sozialschaffenden die marktüblichen Löhne erhalten.

Erstmals ganzer Kanton
Grundsätzlich hat in der Schweiz Anspruch auf Sozialhilfe, wer in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Nun beantragt erstmals in der Schweiz nicht eine Einzelperson diese Hilfestellung, sondern ein ganzer Kanton. Zug rechnet fürs kommende Jahr mit einem Defizit von 26 Millionen. Die Zuger Finanzdirektion gibt zur Erklärung: «Wir wissen nicht, woran das liegt. Wir sehen nur, dass der Kontostand ständig sinkt. Wie der Vierwaldstättersee, wenns eine Zeitlang nicht geregnet hat.» Finanzexperten mutmassen, die sinkenden Einnahmen seien auf den Wegzug von reichen Säcken zurückzuführen, während gleichzeitig der Steuerfuss unverändert bei 82 Prozent steht.

Die Sozialarbeiter schwärmten sofort aus, um Direkthilfe zu leisten. Ein erstes Fazit: «Der Kanton Zug weiss einfach nicht, wie man spart. Wir müssen mit ihm ein Taschengeld vereinbaren.» Bis Zug gelernt hat, auf eigenen Füssen zu stehen, werden die Sozialarbeiter ihm, wie der Flüchtlingsfamilie in Hagenbuch, beim Finanzhaushalt aushelfen. «Wir werden mit kleinen Übungen beim Einkaufen anfangen», erläutert die Sozialarbeiter-Taskforce, «und wenn das Budget nicht überzugen, äh, überzogen wird, dann werden wir Zug sukzessive das Sackgeld erhöhen.» Wenn die Ansässigen nicht aufsässig werden, kann von einem kostspieligen Sondersetting abgesehen werden. Ansonsten müsste der ganze Kanton Thaiboxen lernen.

Studie verspricht Sensation
Und während sich dieses Finanzdrama in der Innerschweiz abspielt, wollen ETH-Forscher dem Sozialproblem grundsätzlich auf die Spur kommen. Dass die ETH hierfür an lebenden Affen forschen will, hat für Aufmerksamkeit gesorgt. Tierschützer finden, man hätte dafür auch Zuger nehmen können. Die Forscher benötigen für ihre Tests jedoch ein Mindestmass an Sozialverhalten. Die Hoffnung besteht, durch die Experimente den «Sozial-Wahnsinn» zu heilen.

Erste Forschungsergebnisse zeigen, dass die Primaten nicht umsonst leiden, könnten sie doch die Frage der Fragen beantworten: Was war zuerst, der Sozialhelfer oder der Sozialhilfebezüger? Ein ETH-Professor erklärt gegenüber dem «Nebelspalter»: «Wir geben einem Affen, der dafür eine Stunde Purzelbäume machen muss, eine Banane. Aber dann nehmen wir sie ihm weg und geben sie einem Affen, der überhaupt nichts tut.»

Das verblüffende Resultat: Der Arbeitsaffe beobachtet verständnislos und mit zunehmendem Zorn, wie der faule Affe seine Banane isst. «Anschliessend ist das Sozialverhalten des arbeitsamen Affen gestört. Er will künftig auch nicht mehr arbeiten. Und damit haben wir dann zwei faule Affen.» Noch ist nicht ganz klar, wie diese neuen Erkenntnisse das Sozialwesen in der Schweiz beeinflussen könnten. Nur so viel: «Solange wir genügend Bananen haben, sind alle Affen zufrieden.»

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