«Die Anarchie ist der Demokratie überlegen»

Claudio Zemp | veröffentlicht am 01.10.2014

Henry Holliger (18) ist kampfbereit vom Scheitel bis zu den Stahlkappen. Sein Hund «Elizabeth» braucht keinen Grund, um anzugreifen.

«Die Anarchie ist der Demokratie überlegen»
(Nebelspalter)

Wer Henry Holliger begegnet, kommt mit ihm sofort ins Gespräch. Gut, viele versuchen fortzurennen, wenn der Hund angehetzt kommt. «Elizabeth, bei Fuss! Komm hierher, Elizabeth!», hört man die Fistelstimme von Henry rufen. Natürlich tut er nur so, wie wenn er den Hund zurückschreien möchte. Aber schon ist das Gespräch mit Henry im Gang. Was zu beweisen war.

«Er will nur spielen», kichert Henry, während der Pit Bull Terrier «Elizabeth» neugierig die Kleider des Passanten zerfetzt und auch mal in eine Extremität beisst. Der vorwitzige Hund ist nie an der Leine, Henry würde das nicht übers Herz bringen. «Warum heisst der Hund Elizabeth, wo das doch ein Rüde ist?», jappst manches Opfer von Henry. Doch solche Fragen hiesse die Rechnung ohne den Rhein zu machen beziehungsweise Wein in den Wirt zu flössen. Denn natürlich, so bestätigt jeder Freudianer gern, ist dieser Name Ausdruck von Herrchens unterdrückten femininen Neigungszügen.

Bis aufs Blut
Henry gönnt sich selbst ein Mieder, ein Korsett und ein Amulett. Die Tracht geht gerade noch als androgyn durch. Doch auch die Kleidung gehört zum Konzept von Henry: «Sie lenkt ab und verunsichert. So kann ich gezielter angreifen.» Etwa mit Rassentheorien (Henry redet dabei stets nur von «Hunden») oder mit Schwanzvergleichen. Gerne gibt Henry, während Elizabeth sich in die Waden seines Opfers verbeisst, gesellschaftspolitische Theorien zum Besten. «Die Anarchie ist der Demokratie überlegen», sagt er spitzbübisch, während der Halbstarke halbherzig «Elizabeths» Leine zurückzieht und per excüsy dem Opfer noch auf die blutenden Beine tritt.

Staatliche Kontrolle ist ihm suspekt, wegen den Hundekontrollen und überhaupt, wie sich die Polizei in das Leben der Bürger einmischt. Die Schatten des modernen Wohlfahrtsstaats bestehen darin, dass viel zu viele Schwache überleben. Wird ihm sein Hund entwendet, schafft Holliger sich auf undurchsichtigen Wegen rasch einen neuen heran. Heissen tun sie alle immer gleich und aggressiv macht man sie mit ein paar Fusstritten. Henry strahlt: «Elizabeth ist ein Segen, der uns die natürlichen Grenzen aufzeigt.»

Weicher Kern
Und was machen Sie beruflich, Henry? Eine weitere ungeschickte Frage des Opfers. Als Antwort knurrt Elizabeth ärgerlich: «Störe mich nicht beim Fressen!», gibt der Hund zu verstehen, paradoxerweise mit vollem Mund fletschend, sehr unschicklich. Das Stockholm-Syndrom funktioniert bei Elizabeth übrigens nur schon deswegen nicht, weil er immun gegen jede sozialdemokratische Art ist als auch gegen alles Skandinavische. Henry hat ihm jegliche gesellschaftliche Kuschelei abtrainiert. Wenn Holliger aber ganz bei sich ist und am Abend seine Stiefel ausgezogen hat, ist Elizabeth immer sehr nah bei ihm. «Wir setzen uns leidenschaftlich für die Schweiz ein», flüstert Henry Elizabeth ins Ohr, während der Rüde sich an seinen Krampfadern reibt und Herrchen sich den Scheitel föhnt: «Ja, für die Schweiz und gegen die Welt.» Mehr Erklärungen sind ihm nicht abzutrotzen.

Im Grunde ist Henry ein sensibler Patriot - und unter seinem hart gelierten Scheitel versteckt sich letztlich ein sehr weiches Hirn, das wie eine Birne keinem Flugzeug etwas zuleide tun kann. Als sich das Opfer endlich losgerissen hat, hört es ihn im Davonrennen noch zu Elizabeth fisteln: «Gell, am Ende des Tages geht es nur um ein bisschen Hiebe.»

Faktenblatt der Ignoranz

Name: Henry Holliger (ignoriert Bisswunden, Meldepflichten und die Geschichte des 20. Jahrhunderts)
Zitat: «Wir setzen uns leidenschaftlich für die Schweiz ein.»
Verbreitung: Feld, Wald, 7494 Wiesen GR
natürliche Feinde: Cüplisozis und Bullen
I-Faktor: 98
AA-Quotient: 30,2 %
Lebenserwartung in der Zivilisation: 4 bis 6 Jahre

Artikel erschienen in der Ausgabe

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