Ein Nest(lé)flüchter

Hanskarl Hoerning | veröffentlicht am 15.09.2014

Eine meiner weiblichen Bekanntschaften stieg von der einfachen Tanzelevin zur Ballettsolistin auf, zog nach Lausanne, hiess fürderhin nicht mehr Johanna Stache, sondern nannte sich Jeannette Staché.

Ein Nest(lé)flüchter
Jiri Sliva | (Nebelspalter)

Ganz ähnlich muss es mit dem elften von vierzehn Kindern einer Glasermeisterfamilie gewesen sein, das vor 200 Jahren als Heinrich Nestle geboren wurde und sich nach Umzug ins schweizerische Vevey ab 1839 als Henry Nestlé ausgab.

Dieser derart aus dem Nest(le) Gefallene war ein sehr erfinderischer Kopf. Er versuchte sich nicht nur in der Herstellung von Essig, Knochenmehl, Mineralwasser und Likör, den er erwartungsgemäss als Liqueur anpries, sondern erregte auch Aufsehen durch eigens fabriziertes Speiseöl und Kunstdünger, durch Tafelsenf und Flüssiggas. Sein Knaller aber war die Produktion von Milchpulver, von dessen ursprünglicher Bezeichnung «Kindermehl» er sich jedoch infolge makabrer Mis­s­verständlichkeit nach einiger Zeit distanzierte. Erinnerte es doch zu sehr an die bei Wilhelm Busch zwar nicht zu Mehl, aber mithin «fein geschrotet und in kleine Stücke» zermahlenen Lausbängel namens Max und Moritz.

Bald wuchs sich die Firma Nestlé zum mächtigen Nahrungsmittelkonzern aus. Ich erinnere mich, dass mich - als ich noch ein Kind war, also vorm Zweiten Weltkrieg - eine Reklameschrift auf dem Dach eines Geschäftshauses meiner Heimatstadt beeindruckte, die von dem Wort NESTLÉ geprägt wurde. Ich verband damit allerdings weniger den Gedanken an Milchpulver, sondern vielmehr an Kakao. Ich weiss noch, dass mein stets zu Scherzen aufgelegter Onkel immer sagte: «Sieht aus wie Kacke und schmeckt wie Schokolade.» Die eingangs erwähnte Tänzerin übrigens entpuppte sich bald auch zur Geniesserin von Trinkschokolade: Nestlé für Staché.

Die Erfindung des pulverisierten, später auch granulierten Kaffees war kein Aprilscherz, gleichwohl er am ersten Tag besagten Monats im Jahre 1938 auf den Markt kam. Der naheliegende Name «Nestlécafé» fand keine Verwendung, was wohl darin begründet sein mag, dass dieses zweimalige é nacheinander etwas Komisches an sich hatte. Man beschränkte sich also auf die Abkürzung Nes und setzte den Café hintendran. Grossen Absatz fand dieses Produkt 1943 in Deutschland unseligen Angedenkens bei der Wehrmacht, bei der Bevölkerung peu à peu erst nach dem Krieg.

Wieso das Thema Wasserprivatisierung bei Nestlé heutzutage eine Rolle spielt, liegt darin begründet, dass möglicherweise das kostenfreie Abpumpen von Wasser in der Natur, um es teuer in Plastikflaschen abgefüllt zu verkaufen, dem Gewinnen von Kuhmilch vorgezogen wird. Andere ziehen den Kühen Pferde vor. Die geben zwar keine Milch, und ihr Fleisch wurde auch nicht Schokolade- oder Kaffeeprodukten beigemengt. Aber es lässt sich bequem in Nudelerzeugnisse wie Ravioli und Tortellini mischen, deren Vertrieb als Tiefkühlware über die Tochterfirma Buitoni läuft, die inzwischen ebenfalls zum Imperium Nestlé gehört. Ein Käufer solcher Ware soll sich gewundert haben, dass beim Auftauen ein leises Wiehern zu hören war. Nachweisen lässt sich diese Horrormeldung nicht, da die Produktion solcherart gemixter Ware vor einiger Zeit eingestellt wurde. Seitdem habe sich der Verkauf von Pferdefleisch wieder normalisiert, sei sogar erheblich gestiegen. Offensichtlich gilt nun wieder des Dritten Richard Ruf an Bedeutung: «Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd!»

Ein Königreich nicht, aber ein paar Fränkli für leckere Rossgulasch würde ich schon opfern.

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