Sprechen Sie Emoji?

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 04.09.2014

Unser Septemberheft steht ganz im Zeichen des neuen Schuljahrs. Und das neue Schuljahr steht ganz im Zeichen des neuen Sprachenstreits.

Sprechen Sie Emoji?
Swen (Silvan Wegmann) |

Seit die Kantone Thurgau und Nidwalden beschlossen haben, Frühfranzösisch in der Primarschule vom Lehrplan zu streichen, fürchtet so manch einer nicht weniger als den Zerfall der Schweiz. Wobei Thurgau und Nidwalden dies zuletzt bemerken würden, da man «La Suisse n?existe plus» erst mühsam im Langenscheidt nachschlagen müsste.

Wissenschaftlich abgestützte Argumente, die aufzeigen, wie überfordert Schüler mit Frühfranzösisch sind, und dass die Sprachkompetenz am Ende der obligatorischen Schulzeit nicht schlechter ist, wenn man mit der Fremdsprache ein paar Klassen später beginnt, fanden in der allgemeinen Empörung kein Gehör. Was zeigt, dass nicht nur die Thurgauer und Nid­waldner Schüler, sondern auch manche Bildungs- und Kohäsionspolitiker zuerst einmal ordentlich Deutsch lernen sollten. Tatsächlich ist die Schriftsprache nach Jahren des Dialekt-Booms und der intensiven nicht-germanischen Zuwanderung inzwischen mehr denn je zuvor eher Fremd- als Muttersprache.

Wer heute einem schulpflichtigen Kind auf den Handybildschirm schaut, muss allerdings feststellen, dass unsere Ängste bereits wieder der Realität hinterherhinken. In den Chatprogrammen machen die 26 Buchstaben des Alphabets nur noch den kleineren Teil der Verständigung aus. Ein Grossteil der Dialoge basiert auf Piktogrammen, die man Emojis nennt. Über 800 dieser Smileys und Symbole können auf einem Smartphone verwendet werden. Mit dem neuesten Update ist endlich auch ein Stinkefinger dazugekommen. Und den versteht man zwischen Thurgau und Genf auch ohne Sprachkenntnisse.  Die Zukunft der Schweiz ist also gerettet.

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