Einbildungswesen

Jürg Ritzmann | veröffentlicht am 04.09.2014

Die nationale Bildungslandschaft ist im Umbruch und das schon seit vielen Jahren. Neue, moderne und bessere Methoden sollen eine zukünftige Gesellschaft garantieren, die uns alte Säcke durchfüttern wird.

Einbildungswesen
Petra Kaster | (Nebelspalter)

Demagogen sprechen immerzu von der sogenannten Demografie: Im Jahr 2030 kommt durchschnittlich auf drei Rentner ein Arbeitsloser. Ergo muss etwas getan werden in diesem Land. Es gibt diverse Ansätze.

Einer davon ist das - nennen wir es «Optimumsprinzip». Die Idee dahinter: Wenn sie fünf weniger gute Schüler in die gleiche Klasse stecken wie fünf mittelstarke und fünf gute Schüler, dann sind am Ende des Schuljahres alle siebzehn Schüler auf dem Niveau der fünf guten Schüler. Vor allem in Mathe. Dieses Prinzip ist wirklich clever, weil die Klassenleistung insgesamt nicht gemindert wird, sondern für alle - im Zeichen grenzenloser Solidarität - das Optimum erzielt wird. Das muss ich meinem Fussballtrainer erzählen.

Natürlich kommt man nicht einfach so auf ein solch brillantes Konzept. Eine Reihe an Sozial-, Heil-, Spezial- und Integralpädagogen haben, in enger Zusammenarbeit mit Kultur-, Film- und Utopieschaffenden diese Idee nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und Feng Shui-Prinzipien ausgearbeitet. Tatsächlich hat man an diesem System bisher nur einen einzigen Nachteil identifiziert: Es funktioniert nicht. Experten sind ratlos.

Das Schweizer Volk goutiert natürlich auch nicht jeden Geistesblitz der Bildungsverantwortlichen. Die Initiative «HarmoS» war vielen zu harmlos und wurde in einzelnen Kantonen an der Urne bachab geschickt, ebenso die Initiative «140 auf allen Schulwegen», die bekanntlich via Facebook lanciert worden war. Eltern mit einem Minimum an Verantwortungsgefühl schicken ihre Kinder sowieso in eine Privatschule. Die Gründe gehen niemanden etwas an.

Summa summarum lässt sich konstatieren, dass es für jeden echten Patrioten ratsam ist, rechtzeitig zu sterben, um die Demografie nicht un­nötig zu belasten. Denn so lange, wie das Schweizer Bildungswesen bereits im Umbruch ist, wird es mit grosser Wahrscheinlichkeit noch im Umbruch sein, wenn wir in Rente gehen. Und ein Haufen Dumpfbacken kann unseren feudalen Lebensstil nie und nimmer finanzieren.

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