Weltweite Gianduja-Vorräte reichen nur noch für drei Monate

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 02.09.2014

Erneut droht der Schweiz ein grosser Image-Schaden. Die weltweiten Gianduja-Vorkommen reichen schätzungsweise noch für ein Vierteljahr, der Expansionsdrang Schweizer Schokoladehersteller trägt grosse Mitschuld - die natürlichen Lagerstätten wurden jahrelang sorglos geplündert. Nun ist das Weihnachtsgeschäft gefährdet.

Weltweite Gianduja-Vorräte reichen nur noch für drei Monate
(Nebelspalter)

Schweizerinnen und Schweizer konsumieren jährlich rund 13 Kilogramm Schokolade pro Kopf. Den wenigsten ist bekannt, dass sie dabei mithelfen, einen der aussergewöhnlichsten Rohstoffe des Planeten zu vernichten. Denn viele Schokoladenerzeugnisse sind mit Gianduja gefüllt, einem Naturprodukt, das ähnlich wie Bernstein oder Ambra nur unter ganz spezifischen Bedingungen entstehen konnte und entsprechend rar ist. Die Nichtregierungsorganisation «Ernährung von Bern» ist es, die nun auf den drohenden Missstand aufmerksam macht.

Erstmals 1813 entdeckt

Die Gianduja-Masse ist nach dem italienischen Forscher Gianfranco Gianduja benannt, der 1813 in Venezuela im Schwemmland des Orinoco-Flusses Ablagerungen entdeckte, die in hoher Reinheit aus zerriebenen Kakaobohnen, Nüssen und Zuckerrohr bestanden. Nur wenige Vegetationssysteme auf der ganzen Welt weisen die Bedingungen auf, welche die Voraussetzung für neue Gianduja-Ablagerungen erfüllen. Dass mit diesem sensiblen Ökosystem auch eine höchst exotische Fauna einher geht, die seltene Tierarten wie den Nougator (ein nüsseknackendes Zwergkrokodil) oder den scheuen Cacao-Bohnobo (eine Affenart) hervorgebracht hat, muss kaum extra erwähnt werden.

Pioniere Maestrani und Cailler

In der Schweiz wurde zwar vom Geologen Aquillino Maestrani 1884 in Flawil eine aus dem Mittelpleistozän stammende kleine Gianduja-Ader (lat. «Vena minor») entdeckt, die heute längst ausgebeutet ist und nur noch durch den Namen «Minor» auf ihre Ursprünge verweist. Seit dem Ende der letzten Eiszeit lässt das Klima jedoch keine neuen Gianduja-Ablagerungen mehr zu. 1889 glaubte auch der Unternehmer François-Louis Cailler im Freiburgischen Broc auf Gianduja-Vorkommen gestossen zu sein. Die grosszügig angelegte Fabrik war bereits gebaut, als Cailler den Irrtum bemerkte und fortan gezwungen war, seine Schokolade stattdessen mit Luftbläschen zu füllen (sie wird heute noch unter dem Namen «Rayon» zu verkauft).

Rettung im letzten Moment?

Mit Blick auf die Seltenheit des Rohstoffs ist umso erstaunlicher, dass die Schokoladenindustrie den so genannten «Peak Nut», das Gianduja-Fördermaximum, total verschlafen hat, obwohl Fachleute wie der Pariser Edel-Chocolatier Jean-Paul Hevin oder der Brüsseler Pierre Marcolini schon seit Jahren davor gewarnt haben. Von der grossen Schweizer Schokoladeproduzenten wollte niemand vor dem Notizblock Stellung nehmen. Ein Brancheninsider verrät, dass derzeit fieberhaft an einem Verfahren gearbeitet werde, Gianduja manuell selbst mit Haselnüssen, Zucker und Kakaobohnen herzustellen. Dem Konsumenten bleibt also noch etwas Hoffnung, dass der Forschung rechtzeitig ein Durchbruch gelingt, damit das traditionell mit viel Schokolade aufwartende Weihnachtsfest nicht zum Desaster verkommt.

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