Vater unser

Hagen Rether | veröffentlicht am 05.06.2014

Mit zwölf ist man in Asien zu alt zum Teppichknüpfen für Ikea, weil dann die Hände zu gross sind. Man darf aber erst mit 14 bei Nike anfangen. Da entsteht eine Versorgungslücke von zwei Jahren, die meistens mit Prostitution gestopft wird. Oh Herr, wir haben keine Ahnung von Sklavenhandel mit Kindern, der Zer­störung von gesamten Volkswirtschaften durch Börsenspekulationen und Umweltka­tastrophen durch Ressourcenausbeutung.

Vater unser
Hagen Rether (Nebelspalter)

Oh Herr, wir wissen nichts von Hermesbürgschaften für Staudämme und von Turnschuhproduktionen in Südostasien. Herr, die meisten von uns sind schon froh, wenn sie sich ihr Autokennzeichen merken können. Keiner kennt (aus dem Stegreif) den Zusammenhang zwischen Aktienkursen und Leitzinsen. Wir kennen ja noch nicht mal unsere Blutgruppe. Oh Herr, wir sind so degeneriert, wir können nicht bezahlen, weil wir die PIN-Nummer der EC-Karte vergessen haben. Herr, wir sind so hohl, wie wir voll sind.

Die anderen hoffen auf Frieden und wir hoffen, dass man uns im Urlaub nicht entführt. Die haben Angst, dass ihre Kinder verhungern und wir haben Angst, dass unser Deo versagt und dass man uns beim Telefonieren im Auto erwischt. Oh Herr, wir kaufen ihre Frauen und behaupten, sie würden uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen. Unsere Beichtväter sind die Steuerberater und Unicef ist unser Ablass.

Herr, mach hoch die Tür, die Tor mach zu und die Mauern dick, denn es kommt ein Heer von kleinwüchsigen, wütenden Analphabeten und Hungerleidern über uns. Die Tutsi und Hutu werden sich gemeinsam gegen uns verschwören, die nicaraguanischen Kaffeebauern und die Ziegenhirten aus Kaschmir und die kampferprobten Kindersoldaten aus Sierra Leone. Sie alle werden kommen, über unsere Nato-Zäune klettern und uns hinwegfegen wie El Nino. Sie werden uns mit Basmatireis bewerfen und mit Wildreis und mit Naturreis und mit Langkornreis und mit Milchreis und mit Duftreis und mit Uncle Bens Beutelreis und mit Puffreis. Sie werden in unseren Hobbykellern Dart spielen und in unseren Swingerclubs swingen, von unseren Tellerchen essen und mit unseren blonden Töchtern in unseren Ikea-Bettchen schlafen.

Sie werden auf unseren Teakholzmöbeln gammeln, Cohibas rauchen, Darjeeling schlürfen und «Wer wird Millionär?» gucken. Wahrlich, ich sage euch, sie werden mit unseren Ge­lände­wagen im Stau stehen und über die Öko-Steuer fluchen. Herr, wie kriegen wir in ihren Dritteweltschädel rein, dass du ein Aufsichtsratsvorsitzender bist? Machen wir es uns gemütlich vor dem Herrn, lasset uns beten:

Vater unser, der du bist im Himmel, gereinigt werde dein Name. Wir sind steinreich, komm ey, unser Wille geschehe wie in Chile so auch in Schweden. Deren täglich Brot gib uns heute und vergib du ihnen doch ihre Schulden, wie auch wir vergeben unsere Kredite. Und führe keine Untersuchung, sondern gib die Erlöse uns von den Börsen. Denn wir sind reich, ham die Kraft und die Herrlichkeit und sie bleiben immer - die in Ewigkeit - Armen.


Auf der Bühne:
Der mit Preisen hoch dekorierte Kabarettist Hagen Rether tritt am 12. Juni mit seinem Programm «Liebe» im Casinotheater Winterthur auf.
Infos und Karten: www.casinotheater.ch

Artikel erschienen in der Ausgabe

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