Brady Dougan

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 05.06.2014

Dem Spanier Mario Costeja haben wir es zu verdanken, dass es bei Google nun endlich ein «Recht auf Vergessen» gibt. Costeja hat bis vor den Europäischen Gerichtshof dafür gekämpf, dass das Internet seinen Namen nicht im Zusammenhang mit rufschädigenden Meldungen verknüpfen darf.

Brady Dougan
Michael Streun | (Nebelspalter)

Was hier als Fortschritt gefeiert wird, ist andernorts längst üblich: Die Schweizer Grossbank «Credit Suisse» (CSGN - 2,6 %) praktiziert das Recht auf Vergessen seit Jahren auf oberster Führungsebene. So durfte der operative Chefbanker Brady Dougan trotz 2'600'000'000 Franken teurem Schuldeingeständnis vergessen, dass er bereits CEO des Bankhauses war, als dieses Amerikanern und anderen reichen Säcken noch aktiv beim Steuerhinterziehen behilflich war. Verständlich, dass ihn die Kritik an seiner Person nun ärgert. Wie soll ein Chef von jedem seiner 47'400 Mitarbeitenden wissen, wer die 1291 im Bundesbrief verankerte Weissgeldstrategie gerade unterwandert?

Seien wir ehrlich: Wer so viel Verantwortungsgefühl erwartet, müsste den Mann zuerst einmal anständig bezahlen: Mit 25 CS-Dienstjahren hat es Dougan gerade mal auf ein Vermögen von 150 Millionen und ein Jahresgehalt von 7,8 Mio. gebracht - dafür musste Daniel Vassella bei Novartis (NOVN + 44 %) zeitweilig nur ein paar Wochen scheffeln bzw. Chef spielen. Dass auch nach der amerikanischen Rekordbusse ein Rücktritt für Dougan kein Thema sein kann, erklärt sich letztlich aus seiner Biografie: Geboren und aufgewachsen in Chicago, fühlt sich Brady in Strukturen mit einer grossen kriminellen Vergangenheit grundsätzlich wohl. Und als Marathonläufer weiss er, dass man sich selbst dann einfach weiterschleppen muss, wenn vom Strassenrand her längst kein Schwein mehr aufmunternd zuklatscht.

Brady W. Dougan - das W steht übrigens für «Withdrawal» («Geld abheben») - erlangte 1983 den Master of Business Administra­tion und trat 1990 in die Dienste der Credit Suisse First Boston ein, wo er in einem internen Waschsalon den heutigen VR-Präsidenten Urs Rohner kennenlernte und mit diesem gemeinsam in etlichen Abendkursen den Eidg. Heiligenschein erwarb. Jenseits aller Unkenrufe und Rücktrittsforderungen gibt es aber auch Stimmen, die sich positiv dazu äussern, dass - anders als bei vielen Reedereien heutzutage üblich - der Kapitän an Bord bleibt, während der Kahn Schlagseite hat. Gute Führungsleute sind letztlich viel zu selten, als dass man sich in Wirtschaft und Poitik nach jedem herbeigeschriebenen Skandal ein Köpferollen leisten kann. Zum Rollen ist Dougans Kopf ohnehin zu kantig.

Bereits viel zu gross ist die Zahl jener, die richtig Mist gebaut haben, um sich dann selbst still und heimlich aus der Verantwortung zu stehlen - angefangen bei diesem ominösen Herrn Jahwe, der sein Start-up (JHWH -?3952 B. C.) bereits nach sechs Tagen gewissenlos sich selbst überliess, obwohl er bis heute täglich von Abermillionen in eigens dazu gebauten Gebäuden zum Hearing vorgeladen wird.

Mit dem Verbleib an der Spitze zeigen CEO Dougan und VR-Präsi Rohner nicht nur Führungsstärke, sondern beweisen sich auch als Meister der Dialektik, wie sie nur selten zu finden sind - erinnert sei etwa an Bill Clinton, der kiffte, ohne zu inhalieren, und rumhurte, ohne Sex zu haben. Ein Meister des dialektischen Schuldbegriffs - nur andersrum, irgendwie - sitzt übrigens aktuell im Bundesrat: Ueli Maurer soll für das ganze Gripen-Debakel verantwortlich sein, obwohl er sich doch immer dafür eingesetzt hat. 

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