Alles halb so schlimm

Jan Peters | veröffentlicht am 05.06.2014

In einem befremdlichen Urteil stellte das Bundesgericht kürzlich fest, dass jemand, der den Hitlergruss öffentlich auf der Rütliwiese, den heiligsten Quadratme­tern der Schweiz, gezeigt hatte, nicht bestraft werden könne.

Alles halb so schlimm
Carlo Schneider | (Nebelspalter)

Sinngemässe Begründung: Er habe mit seiner Geste seine patriotische Gesinnung kundgetan und nicht versucht, an­dere der um ihn herumlungernden Volksgenossen für nationalsozialistisches Gedankengut zu gewinnen. Musste er auch gar nicht, die hatten das schon lange vorher intus.

Dieser nicht gerade salomonisch zu nennende Lausanner Schiedsspruch, der für begriffsstutzige Gutmenschen schwer nachvollziehbar ist, muss jetzt allerdings noch im Sinne einer mentalen Transferleistung auf andere Lebensbereiche ausgedehnt werden, um ihn einleuchtender und besser nachvollziehbar darzulegen. Hierbei wollen wir vom «Nebelspalter», dem führenden Magazin für einfühlsame Volksaufklärung, unserer Bevölkerung im Sinne einer objektiven, politisch neutralen Informa­tion die notwendige Hilfestellung leisten, denn wir sind der festen Überzeugung, dass Volk und Justiz am selben Strang ziehen müssen.

Früher wars einfacher 

Früher, als wir in unserem Land noch Todesstrafe und Galgen hatten, war das viel einfacher. Heute muss man die einfachsten Dinge 20 Mal erklären; ein Resultat der ewigen päda­gogischen Reformen. Keiner weiss mehr, was Sache ist. Könnten Sie denn beispielsweise auf Anhieb sagen, ob das österreichische Fräulein Mortadella, das neulich den europäischen Trallala-Wettbewerb gewonnen hat, ein lesbischer Mann, eine hermaphroditische Transe oder gar nichts ist? Oder eine sexuelle Fixierung auf Bargeld hat?

Betrachten wir nun, um die Dinge etwas klarer zu machen, einen alltäglichen Vorfall, wie er sich regelmässig in Schweizer Gemeinden ereignet, aber von der durch exzessiven Internetgebrauch und Dauerkonsum von RTL-Formaten systematisch verlotterten Bevölkerung kaum noch zur Kenntnis genommen werden kann. Wir sprechen hier von Exhibitionismus, einer Art überlieferten Sexualverhaltens, wie es besonders in den ländlichen Bereichen und abgelegenen Talschaften unseres Vaterlandes immer schon gängige Praxis war und zum Teil auch heute noch liebevoll gepflegt wird.

Meist sind die Täter ältere Männer, ausgesteuerte Arbeitslose, die überwiegend schmuddlige Trenchcoats und Schlapphüte tragen. Durch Müs­siggang und Trunksucht sind sie finanziell oft so schlecht dran, dass sie sich noch nicht einmal mehr Unterhosen leisten können.

Und dann stehen diese Typen auffällig unauffällig an Hausecken herum und lauern auf ihre wehrlose Beute - unschuldige kleine Mädchen, die ausser Facebook- und Twitter-Sexting noch nichts vom wirklichen Leben gesehen haben und sich verzweifelt fragen, warum die Bienen im Frühling wie besessen zu den Blüten fliegen. Plötzlich schlägt er gnadenlos zu, der Exhibitionist; jäh tritt er aus dem Dunkel der Hausecke hervor: Zack, Mantel auf - kreischend und in Panik rast das Opfer davon.

Legen wir den Fall unseren Behörden vor: Erste Instanz, Stammtisch im «Adler», grosser Volksgerichtshof; Beratung kurz, Urteil klar: «Solche Drecksäue gehören ohne Narkose kastriert!»

Letzte Instanz, Bundesgericht Lausanne: «Der Mann hat nur seine sexuelle Gesinnung kundgetan; er hat nicht versucht, sein Gegenüber für sein Gedankengut zu gewinnen.» Freispruch.

22:00 Uhr: Ende des Stammtischs. Beschwingt chauffiert man vom «Adler» heimwärts, da passiert es - Polizeikontrolle. Der Atemlufttest ergibt 1,9 Promille. Fort ist das Billett. Einspruch. Der geht durch alle Instanzen bis nach Lausanne. Ultimatives Urteil: «Der Mann hat durch sein Verhalten nur seine Einstellung zum Alkohol zeigen wollen. Er hat nicht versucht, die Polizeibeamten davon zu überzeugen, dass Autofahren erst nach überhöhtem Alkoholkonsum so richtig Spass macht.» Freispruch.

«Arbeit macht frei» steht über dem Tor von Auschwitz. Offenbarten die Nazis mit dieser «Ermutigung» lediglich ihre Gesinnung, ohne die Lagerinsassen für ihre Ideologie gewinnen zu wollen?

Artikel erschienen in der Ausgabe

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