Weinland Ungarn

Thomas C. Breuer | veröffentlicht am 01.06.2014

Im Englischen hört dieses Land auf den irreführenden Namen Hungary.

Weinland Ungarn
(Nebelspalter)

Die ungarische Küche hat der Welt das Gulasch beschert, das dort nicht einmal so heisst, sondern Pörkölt, doch seit Marika Rökks Paprikaoffensive der 50er-Jahre kamen aus Ungarn keine innovativen Ideen mehr, ausser der Gefühlten Paprikaschote vielleicht. Jetzt tut sich ausgerechnet im Weinbau was.
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts lautet die Standardfrage in Ungarn «Tokay or not Tokaj?», die stets mit einem apathischen Nicken beantwortet werden konnte. Leider hat kurz danach die tückische Budapest viele Rebstöcke vernichtet, und nach dem Aufstand 1956 installierten die Russen allerorts Traubenabwehrsysteme, um die Bauern zu schwächen. Seit dem Fall des Bleiernen Vorhangs haben sich die Ungarn auf Süssweine spezialisiert. Diese sind eine heilvolle Symbiose mit der Medizin eingegangen. Die Trau­ben entwickeln sich prächtig, da man die Weinstöcke mit Trockenhauben überzieht. Trotzdem ist der Wein nicht trocken, sondern eben pappsüss mit einer fruchtigen Nase.
Nicht zufällig besagt ein ungarisches Sprichwort: «Adam hat den Apfel gegessen und uns tun die Zähne davon weh.» Karies ist bei Süssprodukten immer ein Thema, weswegen man zunächst in Sopron 1999 ein kluges Marketingkonzept entwickelte: Teure Süssweine, billige Zahnbehandlung. In den Sesseln der örtlichen Dentisten entfaltete die Stadt ihren betäubenden Charme. Nirgends im Land sah man mehr verzerrte Mienen auf den Strassen, und trotzdem wirken die Menschen glücklich, geradezu gelöst angesichts der Beträge, die sie bei der Zahnbehandlung sparen konnten. Mittlerweile profitiert ganz Ungarn davon, und als ehemalige K. u. K.-Monarchie versteht man sich vorzüglich auf Kronen.
Allerdings gibt es auch im 21. Jahrhundert wieder Probleme bei der Schädlingsbekämpfung. Seit in Ungarn, auch im orbanen Bereich, vorwiegend rechtsdrehende Ranken angepflanzt wurden, hat sich der sog. Jobbik-Mistkäfer prächtig entwickelt und droht manches zarte Pflänzlein zu vernichten. Geschädigte Trauben erkennt auch das ungeübte Auge an einem unappetitlichen Braunton. Heraus kommt eine scheussliche Plörre, die man nur ungern trinkt. Eigentlich undenkbar im modernen Europa.

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