Der Verdacht

Hans Suter | veröffentlicht am 03.04.2014

Wenn ein Dichter über den Dichte­stress schreiben soll, dann hat der Dichter Stress. (Also natürlich nicht den welschen Rapper). Aber Spass beiseite, es wird einfach immer enger im Land.

Der Verdacht
Jürg Kühni | (Nebelspalter)

Apropos Welschland: Die fanden das ja nicht, dass wir zu viele Einwanderer hätten, empfinden also pas de «Dischtestress». Vielleicht auch, weil die eine Sprache sprechen, die diesen Begriff gar nicht in ihrem «Vocabu­laire» hat. Dasselbe Problem hatten ja die Welschen auch schon beim «le Waldsterben». Die Ticinesi waren anderer Meinung, sie fanden un densamente popolato sei durchaus vorhanden. Also laut Ergebnis fanden 50,3 Prozent al­ler Schweizerinnen und Schweizer, wir seien allzu verdichtet, und 49,7 Prozent fanden nicht, dass wir ein Platzproblem hätten. Vielleicht fanden die 50,3 Prozent, es würde sie nicht wundern, dass wir ein Problem mit der Dichte hätten, es würde ja sogar verdich­­tet gebaut. Und das auch für Schweizer, wie wenn die nicht schon genug Enge ertragen müssten wegen der vielen Zuwanderer. Wie soll man da nicht Dichtestress empfinden?

Jetzt wird also versucht, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Indem man dem Dichtestress mit verdichtetem Bauen zu Leibe rückt. Dass man also nä-her zusammenwohnt; al-so dichter beieinander. Was das bedeutet, dürfte ja wohl nach neun Monaten zu sehen und zu hören sein. Und wird den Nie­derflurstrassenbahnwagen zum Kinderwagendichtestresshürdenlauf mutieren lassen. Tram, Bus und Eisenbahn sind der Zeit weit voraus, beim ÖV wurde seit eh und je verdich­tet gebaut. Fahren Sie nur einmal nach Fei-erabend mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause, wenn alle Rentner, ihr GA schwenkend, von ihren Tages-ausflügen nach Hause fahren, und ein paar junge Menschen mit Kopfhörern am fast kahlgeschorenen Kopf, hypnotisiert auf ihr Smartphone starrend, an den Einstiegen lehnen und ums Verrecken beim Halt an den Stationen ihren Arsch, der teilweise aus den Hüfthosen herausschaut, nicht wegbewegen, damit Passagiere ein- oder aussteigen können.

Sind es beim ÖV wenigstens noch Menschen in Fleisch und Blut, die im Dichtestress verharren, so ist es auf der Strasse vor allem das viele Blech, das sich zu Kolonnen verdichtet. Auch im Strassenverkehr gibt es eine Verdichtung. Morgens und abends, wenn alle Lohnabhängigen dicht an dicht nach Hause rollen. Aber auch am Wochenende wird es auf den Strassen etwa nicht lockerer. Auch nicht im Schwimmbad noch auf der Skipiste. Auf Bergwanderungen besteht sogar die Gefahr, dass man den Eispickel nicht ins Gestein, sondern einem Zuwanderer oder gar einem einheimischen Mitwanderer, der dicht vor einem steht, in den Oberschenkel rammt. Und erst auf dem Gipfel. Alle, die oben angekommen sind, stehen dicht beieinander und teilen ihren Angehörigen im In- und fremdkulturellen Ausland per Mobile mit, dass sie oben angekommen sind, aber die Aussicht schlecht sei, weil dichter Nebel herrsche.

Immer mehr sind es also auch jene Menschen, die meinen, sie seien jetzt auf der Zugspitze oder auf dem Kilimandscharo, dabei sind wir auf dem Nebelhorn. Dann gehen alle wieder hintereinander hinunter, «walken» mit den nordischen Stöcken ins Tal hinab, steigen in ihr Auto oder in den ÖV und fahren genau so nach Hause, wie sie hergekommen sind. Es verdichtet sich langsam aber sicher der Verdacht, dass fast die Hälfte der Bewohner in der Schweiz diese Nähe suchen würde und Dichte für sie keinen Stress bedeutet.

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