Gut gebellt, Tucholsky

Jan Cornelius | veröffentlicht am 30.01.2014

Kurt Tucholsky war zwar Satiriker, doch hat er sich auch als Tierverhaltensforscher ver­­dient gemacht. Nach langfristiger Beobachtung seines Vierbeiners fand er folgende Verhaltensregel für Hunde heraus: «Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur.»

Gut gebellt, Tucholsky
Santiago Cornejo | (Nebelspalter)

Während Tucholsky seinem Hund eine bevorzugte Stellung einräumte, bewunderte Hemingway bekanntlich die Katzen, er lebte mit rund dreissig davon auf seiner Finca auf Kuba und meinte: «Katzen erreichen mühelos, was uns Menschen versagt bleibt: Durch das Leben zu gehen, ohne Lärm zu machen.» Nichts gegen den Katzenliebhaber Hemingway, aber da lag er vollkommen falsch: Auch Katzen können einen Heidenlärm verursachen, und zwar immer dann, wenn sie Hunde zum Bellen bringen.

Man kann es gar nicht oft und laut genug sagen: Nicht nur das Bellen, sondern jegliche Art von Lärm war für den Menschen schon immer eine schwere Belästigung. Der Schriftsteller Ambrose Bierce definierte bereits im 19. Jahrhundert in «The Devil's Dictionary» den Lärm so: «Hauptprodukt und Kennzeichen der Zivilisation. Ungezähmte Musik. Akustischer Gestank.» Und tatsächlich stinkt es zum Himmel, dass die Welt um uns herum immer lauter wird. Die Frage, die man heute stellen muss, heisst: Wie viel Lärm kann der Mensch denn überhaupt aushalten? Dazu der Dichter, Philosoph und Hobby-Akustikforscher Arthur Schopenhauer: «Die Menge Lärm, die der Mensch ertragen kann, ist indirekt proportional zu seiner Gehirnmasse.»

Was aber tun, wenn überall Tumult und Aufruhr herrscht und keine Rettung in Sicht ist? Da liess sich der dezibelgepeinigte Robert Gernhard etwas ganz Besonderes einfallen: «Wäre ich mit der Fähigkeit begabt, auf telepathischem Wege zu morden, es zöge sich eine Schneise des Schreckens rund um den Erdball. Ihre Opfer: alles Lärmer, Selbstlärmer ebenso wie Lärmverursacher und Lärmzulasser.» Bei der Arbeit oder zu Hause, wir werden den Tamtam fast nie los. So sind sich alle darin einig, dass es in den modernen Wohnblocks zwei Sorten von Nachbarn gibt: Die von oben, die dauernd Krach machen und die von unten, die sich dauernd beschweren. Doch ganz anders verhalten sich die Dinge in meinem Fall: Obgleich ich in einem Wohnblock mit zehn Etagen hause, haben mich die Nachbarn von oben noch nie gestört, zumal sie immerfort Rücksicht auf mich nahmen: Sie machten nur dann Krach, wenn ich schlief, und als ich dann plötzlich aufwachte, hörten sie damit auf.

Okay, manchmal konnte ich auch aus ganz anderen Gründen kein Auge zutun, zum Beispiel, weil auf der Autobahn um die Ecke eine Schallschutz-Methode getestet wurde und man daher die Schallschutzmauer zu Forschungszwecken abgeschafft hatte. Da lag ich oft wach im Bett und fragte mich dankbar: Wem kommt denn dies alles zugute, wenn nicht mir? Nun habe ich mir schalldämmende Ohrstöpsel angeschafft, die setze ich jedoch freilich nur dann ein, wenn ich sie brauche. Also nehme ich sie nie aus den Ohren heraus. So bin ich akustisch abgekapselt, aber einiges kriege ich doch noch mit: Zum Beispiel hörte ich gestern, während ich schrieb, eine Demo, die auf der Strasse unter meinem Fenster vorbeizog. Unter dem Motto «Mit Lärm gegen Lärm».

Auf der Suche nach einer Ruhe-Oase belegte ich kürzlich ein zwei­wöchiges Schweigeseminar. Wir waren insgesamt zehn Teilnehmer und schwiegen allesamt rund um die Uhr. Es war nicht einfach, in jeder Situation den Mund zu halten, doch der Dozent, der das Seminar leitete, hatte es wahrhaftig drauf. Er sass auf einem Stuhl in unserer Mitte und schwieg uns non-stop an. Und wie gekonnt er das nur hinkriegte! Er schwieg überlegen, hin­tergründig und weise, worauf wir zustimmend, nachdenklich und dank­bar zurückschwiegen. Am Ende der zwei Seminarwochen führten wir sodann eine längere Diskussion über Sinn und Auswirkungen der Stille, und dann ist es leider doch passiert: Wir kriegten uns in die Wolle, es gab eine Menge Geschrei und Beleidigungen, und seit damals reden wir alle kein Wort mehr miteinander. Aber das ist auch gut so, denn das Lernziel des Schweigeseminars haben wir ja dadurch vollends erreicht, und zwar langfristig.

Ansonsten ist es im Augenblick erstaunlich ruhig um mich herum, doch ich mache mir da keine grossen Illusionen. Bald wird es gewiss wieder viel zu laut werden. Oder um abermals mit den Worten von Kurt Tucholsky zu sprechen: «Der Mensch ist ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.»

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