Barack Obama

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 30.10.2013

Ganz ehrlich: Langsam reicht es uns mit dieser leidigen NSA-Geschichte. Kein Tag ohne peinliches Geplärre aus Europas Zeitungsspalten, kein Tag ohne die schmallippige Düpiertheit einer Berliner, Pariser oder Brüsseler Regie­rungs­erklärung.

Barack Obama
Michael Streun | (Nebelspalter)

Barack Obama, im Sommer 2008 in der deutschen Hauptstadt vor der Siegessäule noch von Zehntausenden als neuer Messias bejubelt, ist in den Augen des alten Kontinents zum notorischen Lügner, finsteren Cyborg und besessenen Daten-Kleptomanen mutiert. 

Kein Wunder, dass beim ganzen Antiamerikanismus, der seit Monaten über den Atlantik Richtung US-Ostküste schwappt, selbst Obamas politischen Gegnern, den Republikanern, langsam der Kragen platzt: Das Weisse Haus solle endlich aufhören, sich für eine Überwachungsmaschinerie zu entschuldigen, die in Tat und Wahrheit schon Zehntausenden das Leben gerettet hat (also jetzt nicht genau denselben Zehntausend, die damals vor der Siegessäule jubelten).

Natürlich will es nicht sogleich jedem Normalbürger in den Kopf, welche Rolle das Handy der deutschen Bundeskanzlerin exakt in der globalen Terrorabwehr spielen könnte, doch vergessen wir nicht, dass sich Deutschland 2003 mit dem verweigerten Kriegsdienst gegen Saddam selbst in die Nähe von Schurkenstaaten rückte, indem es sich der «Achse des Guten» verweigerte und sich stattdessen auf der «Ebene der Selbstgerechten» breitmachte. Während man die fehlende deutsche Unterstützung im Waffengang gegen die fehlenden irakischen Chemiewaffen noch der Regierung Schröder anlasten konnte, darf nicht übersehen werden, dass Mutti Merkel in ihrem Kabinett selbst einige Koryphäen beschäftigt hatte, die genauso munter fremde Daten sammelten wie die NSA - um diese sogar noch als Doktorarbeit zu veröffentlichen.

Im Wissen darum, dass auch diese Zeilen via Berner US-Botschaft oder die «Special Collection Services» in Genf, Frankfurt oder Mailand den Weg über den grossen Teich finden und aufmerksam gelesen werden, legen wir Wert auf die Feststellung, dass die breite Bevölkerung die ganze Sache überhaupt nicht so sieht wie die dauerempörte Journaille und die publicitysüchtige Politiker-Kaste. Hat in Europa, hat in der Schweiz in den vergangenen Wochen und Monaten denn auch nur eine einzige nennenswerte Massenkundgebung gegen die amerikanischen Geheimdienste stattgefunden? Nein - weil reife Demokratien gelernt haben, nur für echte Grundwerte auf die Strasse zu gehen: Etwa für eine unverändert teure Autobahnvignette, ein uneingeschränktes Nachtleben in der Berner Innenstadt oder für die Neuverglasung der Schaufenster an der Zürcher Langstrasse, für welche traditionell am 1. Mai eingetreten wird.

In Sachen NSA-Überwachung bleiben Herr und Frau Schweizer wohltuend pragmatisch und besonnen: «Ich hab schon immer geahnt, dass alles überwacht wird» und «Mir ists egal, ich hab ja nichts zu verbergen» sind die üblichen Voten zum vermeintlichen Skandal. Viele von ihnen hatten schon längst die Vermutung, dass hinter dem Siri-Sprach­assistenten ihres Smartphones nicht ein seelenloses Computerprogramm aus dem kalifornischen Cupertino steckt, sondern einer der 40?000 sprachversierten NSA-Mitarbeiter - und das soll kein Mehrwert sein? Es ist an der Zeit, dass dies auch unsere gewählten Volksvertreter wieder so sehen. Wenn die USA schon in jedem Handy und Telefonhörer ein Zweitmikrofon stecken haben, wo zum Weisskopfadler bleibt denn die Gruppenanfrage Berns nach D.?C., die uns endlich Klarheit darüber verschafft, was genau Elisabeth und Hans W. Kopp (1988), Thomas Borer und Michael Ringier (2002) oder Andrea Hämmerle und Eveline Widmer-Schlumpf (2007) miteinander besprochen haben?

Der Fall zeigt einmal mehr: Das Volk ist oft geerdeter als die Schreihälse in Redaktionen und Wandelhallen. Obamas Überwachungsstaat gibt uns in der jüdisch-christlichen Tradition nur das zurück, was uns im gottlosen 20. Jahrhundert so lange gefehlt hat: Das Wissen um eine höhere Macht, die unser Tun immer und überall begleitet, und die auch dann nur unser Bestes will, wenn sie wieder mal ein Sodom/Gomorra einäschert oder die Welt mit Plagen (Wanzen, Drohnen, Heuschrecken) überzieht.

Liebi Läser, falls de vorligendi Teggscht uffällig pro-amerikanisch usgfalle isch, müend Si devo usgah, dass er uf em Wäg i d Druckerei no vomene US-Agänt umgschribä worde isch. Drum sicherheitshalber no dä Hiwiis uf Dialäkt - dä verstönd die Sieche nämlich nöd.  

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