Jean Ziegler

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 02.10.2013

Für die einen ist er eine humanitäre Ausnahmeerscheinung in der Tradition eines Henry Dunant. Für die anderen ein antiimperialistischer Nestbeschmutzer und Schwadroneur, der auf dem linken Auge nicht nur blind ist, sondern eine Art Google-Brille eingebaut haben muss, die pausenlos sozialistische Propagandafilme durchleiert.

Jean Ziegler
Michael Streun (Nebelspalter)
Nun ist ja - für die einen, nicht für die anderen - alles noch einmal gut gegangen und Jean Ziegler darf weiterhin unabhängiger Experte des UN-Menschenrechtsrats sein - obwohl für Experten gar keine zweite Amtszeit vorgesehen war und bereits seine erste länger dauerte als üblich. Drei weitere Jahre wird sich Ziegler nun dem Kampf für die Schwachen widmen. Und dass Zieglers früherer Vertrauter Muammar al-Gaddafi im Vergleich zu Bassar al-Assad ein eher schwacher Diktator war, bestreitet heute niemand mehr: Das Weichei ist längst gefallen, derweil Syrien den Libyern inzwischen mindestens 80 000 Tote voraus ist.

Beinahe hätten amerikanisch-jüdische Kreise dafür gesorgt, dass Israel-Kritiker Ziegler, der noch in der Blüte seines Lebens steht, seinen Arbeitsplatz verloren hätte. Und dies nur, weil er einen «Menschenrechtspreis», einst vom oben erwähnten Schwächling verliehen, nicht wie stets behauptet abgelehnt hatte, sondern nachweislich angenommen und erst auf dringendes Zuraten von Freunden binnen 48 Stunden zurückgegeben hatte. Unverständlich, dass man einem 79-jährigen, vielleicht auch manchmal schon etwas vergesslichen Menschenrechtler aus der spitzfindigen Unterscheidung zwischen «nie getan» und «nachträglich korrigiert» einen Strick drehen wollte. Noch unverständlicher, dass dabei übersehen wurde, welches gesellschaftliche Potenzial im «Ziegler-Theorem» überhaupt stecken könnte.

Wie schön wäre eine Welt, in der alles, was innert 48 Stunden wieder zurück am Platz ist oder wenigstens aufrichtig bereut wird, im juristischen wie moralischen Sinn gar nicht stattgefunden hat! Offen ist, ob sich Ziegler in seiner neuen Amtszeit aktiv für ein «Recht auf Vergessen» einsetzen wird, das bis dato noch nicht in den wuchernden Katalog der Menschenrechte aufgenommen worden ist. In der Zwischenzeit zeigt sich wenigstens der Schreibende solidarisch und (ver-)leiht sich jetzt mal für 48 Stunden den schönen Aston Martin weiter oben an der Strasse.

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