Sempach Matthias

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 05.09.2013

Noch nie war unser Redaktionsteam so einmütig und ergriffen zusammengesessen wie an diesem Sonntagabend kurz vor 18 Uhr.

Sempach Matthias
Michael Streun | Michael Streun (Nebelspalter)

Gestandene Journalisten und wortgewaltige Haudegen schauten freudetränenerstickt auf den 96-Zoll-Bildschirm in unserem Newsroom, auf dem Sempach Mättu gerade dem unterlegenen Stucki Chrigu das Sägemehl von den Schultern klopfte. «Diesen Moment hier», setzte Redaktionspraktikantin Andrea an - und ihre Stimme überschlug sich fast in ein Schluchzen: «Diesen Moment hier kann uns niemand mehr nehmen.» Wer im Team die Idee hatte, die letzten Stunden des Eidgenössischen Schwingfests in Burgdorf gemeinsam auf dem HD-Flachbildschirm mitzuverfolgen, war nicht mehr auszumachen - und spielte auch keine Rolle. Tatsache war jedoch, dass uns diese Stunden für immer verändert hatten. «Nach Burgdorf eine Satire übers Schwingen zu schreiben, ist barbarisch», brachte es Theo auf den Punkt.

Gedacht war alles natürlich ganz anders gewesen. Wochenlang war das «Eidgenössische» in Burgdorf bereits im Vorfeld des eigentlichen Anlasses durch die Medien  aufgebauscht worden. Klar, dass irgendwann einmal der Hinterletzte in unserem Team einfach nur noch genervt war. Hier am «Nebi»-Hauptsitz, wo führende Satiriker und Karikaturisten des Landes täglich bis zu 25 Stunden hart trainieren, um die Welt mit feiner Ironie zu durchwirken und mit giftigem Zynismus zu überziehen, war irgendwann der Fall klar: Dieser Anlass musste nach allen Regeln der Kunst zerpflückt werden. Dieser mit seelenlosen Sponsorenmillionen und missbräuchlicher Armeehilfe künstlich aufgeblasene Mega-Event musste als rückwärtsgewandte Volksdümmelei, als peinlicher Anachronismus entlarvt  und der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

So kam es, dass die Ideenskizzen für eine umfassende Generalabrechnung schon bereit­lagen, als man an diesem Sonntagnachmittag  zusammenkam, um sich gegenseitig nochmals so richtig in Höchstform zu albern - als eben plötzlich alles die so ganz andere Wendung nahm. Niemand schaukelte den andern mit Zwischenrufen und Kalauern hoch. Im Gegenteil: Die anfänglich noch spärlich fallenden Sprüche blieben bald aus. Es ist nicht so, dass es nichts mehr zu blödeln, verfremden, kritisieren gegeben hätte. Und doch war an diesem Sonntagabend kurz vor 18 Uhr alles gut so, genau wie es war. Drei Dutzend Berufssatiriker sassen da, ergriffen von der archaischen Magie dieses Kräftemessens, der Klarheit der Regeln und der Überschaubarkeit der Situation. Als wäre ihnen mit einem Mal bewusst geworden, wie ermüdend es doch sein konnte, gegen eine Welt anzuspotten, in der Friedensnobelpreisträger Todesdrohnen befehlen, Diktatoren Whistle­blowern Schutz gewähren, Allianzen und Wahrheiten stündlich ändern und am Ende eines Duells lieber noch einmal nachgetreten wird, anstatt das Sägemehl von den Schultern zu klopfen. «Diesen Moment hier wollen wir auch niemandem ausserhalb des Newsrooms mehr wegnehmen», sagte Andrea noch.

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