Weinland Istrien

Thomas C. Breuer | veröffentlicht am 01.08.2013

Im Sommer 2013 wird Kroatien der Europäischen Union beitreten. Schon lange aber ist Kroatien kein simples Reiseziel mehr, sondern eine Gourmetdestination, nicht zuletzt seiner Weine wegen.

Weinland Istrien
(Nebelspalter)
Porträts von Riesentrüffeln, malerischen Obstgärten, muskelbepackten Olivenheinis, halsbrecherischen Weinbergen - die Fotostrecken in einschlägigen Hochglanzmagazinen wecken natürlich Begehrlichkeiten bei den notorischen Wohlfühlern, und solche Leute beflügeln auch Winzer. Von den kriegerischen Auseinandersetzungen der 90er- Jahre ist wenig zu sehen, vor allem entlang der istrischen Steilküste. Auf Istrien soll sich diese Empfehlung denn beschränken, von den 101 dalmatinischen Weingütern darf ein andermal die Rede sein, und natürlich findet sich auch Weinbau in Nachbarregionen wie Slavonien und Schlawinien.

Namen wie «Motovuner Mördergrube» oder «Buzeter Herzblut» erinnern an die traditionell blutigen Auseinandersetzungen zwischen slowenischen und istrischen Winzern. Die Stadt Ungrad war schon immer das ultimative Ferienziel der UCK-Milizen. Die Böden enthalten unter einer dünnen Splitschicht sehr viel Metall (Patronenhülsen, Schrapnelle etc.), so dass die dort ausgebauten Rotweine, bevorzugt Zuspätburgunder, nicht eigens mineralüberholt werden müssen. In der Nähe der kleinen Gemeinde Versackovice werden die Trauben noch heute mit Handgranaten von den Rebstöcken geholt, was den Winzern viel Arbeit erspart. Auf den sog. «Terra-Rossa»-Böden gedeihen gehaltvolle Rote, die trefflich zu mundgetrocknetem Schinken passen.

Die Bewohner der Halbinsel sind von Italienern und Habsburgern geprägt: Vom nördlichen Nachbarn haben sie die mafiösen Vertriebsstrukturen geerbt, von den Österreichern den Schmäh. Istrische Weine sind beileibe keine Armutstropfen, vor allem, wenn man sie in Akazien-Holzfässern ausbaut, viele werden prämiert, nur wenige deprimiert. Legendär der 1999er «Drastica Magica» von Goran Titanic, damit hat man im Jahre 2011 die EU-Kommissare unter den Tisch gesoffen - letztlich eine Frage des Timings, denn dieser grossartige Wein braucht neuneinhalb Jahre zum Dekantieren.

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